Auszüge dem Text "Lauter Ansichten" von Hans-Joachim Müller

...Malerei ist gerade das Gegenteil von Automatismus. Malerei bekennt sich zu den Unwägbarkeiten, und mehr noch setzt gemeinsame Malerei auf die Unwägbarkeiten. So gesehen handeln diese Bilder immer auch von den diffizilen malerischen Reaktionen auf Malerei, vom unauflösbaren Gespinst aus Impulsen und Reflexen, vom Abenteuer, in dem hier die Affekte und Überlegungen austariert werden.

Letztlich ist das auch der Grund, warum sich Nina und Torsten Römer zum alten Medium Malerei bekennen und sich nicht mit der schlichten Monumentalisierung der digitalen Bilddatenbestände begnügen. Denn entscheidend für die sinnliche Kraft dieser Bilder sind die komplizierten Wege, die zu ihnen führen. Die Reisen, die gesammelten Eindrücke, die unerwarteten Begegnungen und ungeplanten Erlebnisse, die fotografische Sammelarbeit ohne viel Absprachen und Festlegungen, die Sichtung und Gewichtung der vollen Speicherkarten, die Auswahl, der Zwang zur Begründung dabei, die wechselseitige Überzeugungsarbeit, die Entscheidung für ein Motiv, seine Bearbeitung am Computer, die grafischen und koloristischen Eingriffe an den Bilddaten, der Beginn endlich der malerischen Umsetzung, der mühselige Aufbau des Bildes aus ungezählten Farbbausteinen, die Konzentration auf die eigene Arbeit und die Neugier an der Arbeit des anderen, dieses Oszillieren zwischen Erfahrung und Selbsterfahrung - das alles sind Bildvoraussetzungen und Bildumstände, die sich eben nur im Medium Malerei leisten und aufbewahren lassen...

...Auch Nina und Torsten Römer folgen nicht einfach einem vorgeblichen Trend. Reisen ist für sie viel eher Gelegenheit, da und dort auf Phänomene der Globalisierung zu treffen, die weltweiten Strategien der Anpassung und des leisen Widerstands zu beobachten, die schrillen Signale der Jugendkultur, die Sensationen des Regelverstoßes, die Freiräume, die sich Menschen inmitten des schwer lebbaren Lebens schaffen, die Architektur- und Landschaftskulissen, die sich auf ihre stille Art der globalisierten Hektik zu widersetzen scheinen...

...Und wer wie Nina und Torsten Römer verborgen hinter dem Augengitter der Burka durch europäische Städte gezogen ist und den Selbstversuch als befremdliche Fremde fotografisch hat dokumentieren lassen, der malt dann auch die verschleierte Frau an der Metro-Station in Paris und ihren kurzen Prüfblick ins Portemonnaie nicht einfach aus illustrierender Lust...

(publiziert im Katalog zur Ausstellung "Römer + Römer. Reisende", Galerie von Braunbehrens, 2011)

 

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