Rede anlässlich der Ausstellungseröffnung „Generalstreik“ von Römer+Römer im Kunstverein Münsterland, Coesfeld, am 11. Juni 2017

Ich begrüße Sie sehr herzlich hier im Kosmos von Römer + Römer an diesem lauen Sommerabend. Die Werke des Künstlerpaares, das seit 1998 zusammenarbeitet, legen in der Tat die Bezeichnung eines eigenen Kosmos sehr nahe: Römer + Römer haben gemeinsam eine sehr distinkte Bildsprache entwickelt, um sich mit der sie umgebenden Welt auseinanderzusetzen. Wenn wir die Werke hier um uns herum betrachten, sehen wir Malerei, die ihre fotografischen Einflüsse jedoch deutlich zu erkennen gibt, ein traditionelles Medium, in das sich die Spur des Digitalen hineinzieht. Denn die Leinwände sind überzogen mit gemalten Pixeln, die auf deren Oberflächen ein flirrendes Farbspiel aufführen und sich nur aus der Distanz zum figurativen Motiv zusammenfügen. In gewisser Entfernung erkennen wir Szenen, Gesichter, architektonische Elemente, einen Ort. Je näher wir an die Werke herantreten, desto mehr zerfällt die Bildwelt in einzelne Farbfelder. Das große Ganze steht hier also in besonderem Verhältnis zu seinen Einzelteilen.

Und so verhält es sich auch mit dem zentralen Motiv, das immer wieder in den Serien der Künstler auftaucht: der Gemeinschaft – und in ihr das Individuum. Das Verhältnis von Gruppe und Einzelnen, von Gemeinschaftsgefühl und Öffentlichkeit spielt eine herausragende Rolle. Die von Römer + Römer aufgegriffenen Motive zeigen zumeist Ansammlungen von Menschen, die sich in einem bestimmten Rahmen, wenn auch nur vorübergehend, zusammentun und dadurch Teil von etwas Größerem werden – sei es auf einer Demonstration, einem Fest, oder auch nur bei einer losen Zufallsbegegnung auf einem öffentlichen Platz.

Die dargestellten Szenen haben oft einen Schnappschusscharakter, wirken frei von Inszenierung und zeigen eher subtile Szenen am Rande, die nicht unbedingt im Zentrum des Geschehens oder der allgemeinen Aufmerksamkeit stehen. Es ist der gezielte Blick auf zufällige Anordnungen von Menschen, Dingen und Lichtstimmung, der das Werk von Römer + Römer ausmacht. Zunächst scheinen viele Szenen eher uneindeutig, die Bildkomposition setzt nicht auf zentrale Hauptfiguren, sondern brilliert oft durch eine flirrende Flächigkeit der Masse, aus der bei genauem Hinsehen einzelne Figuren hervorstechen, die Teil von ihr sind. Römer + Römer suchen bestimmte Orte und Gruppen für ihr Werk auf. Wie Forschungsreisende unternehmen sie soziologische Expeditionen zu nahen und ferner gelegenen Orten, um ihre Motive zu finden. Dies kann direkt vor der Tür in Berlin-Kreuzberg passieren, in Japan, Brasilien und Südkorea oder eben in der Nähe des kleinen Dorfs Lärz in Mecklenburg – wie im Falle der umfangreichen Werkserie, die hier im Kunstverein unter dem Titel „Generalstreik“ ausgestellt ist.

Der Titel lässt an Krise denken, an historische Arbeiteraufstände, aktuell an Griechenland, wo es erst letzten Monat wieder einen Generalstreik gab – während der wohl einzige Generalstreik in Deutschland 1948 stattfand. Wie geht dies zusammen mit den Bildern, die wir hier in der Ausstellung sehen und die Partyvolk unter freiem Himmel zeigen? Keine gesellschaftlichen Abgründe, sondern friedliches Zusammensein scheint die Botschaft zu sein. Die fotografischen Vorlagen für die hier gezeigten Werke wurden auf dem berühmten Fusion-Festival gemacht, das seit 1997 jährlich auf dem Gelände eines ehemaligen Militärflugplatzes stattfindet. Es wird von einem Kulturverein organisiert, dem daran gelegen ist, den alternativen und nicht kommerziellen Geist des Festivals zu bewahren. Von einigen Hundert in den ersten Jahren hat sich die Besucherzahl inzwischen auf bis zu 70.000 Besucher gesteigert. Ein Geheimtip ist es längst nicht mehr – inzwischen zählt es zu den großen Festivals in Deutschland. Dennoch unterscheidet es sich maßgeblich von Veranstaltungen wie Rock am Ring und dergleichen. Das selbst gegebene Motto des Festivals, „Vier Tage Ferienkommunismus“, fasst die Stimmung, die jährlich produziert wird, gut zusammen. Für viele ist das Fusion-Festival eine kurzzeitig gelebte Utopie, eine temporäre Parallelgesellschaft mit eigenen Regeln. Es wird eine Vorstellung von Freiheit zelebriert, gutgelaunte Kostümierung und ausschweifendes Tanzen zu Technobeats gehören dazu. Es bildet sich ein kleiner hedonistischer Freiraum, der inzwischen in bestimmten Szenen zu einem Mythos geworden ist.

Vor diesem Hintergrund ist es für uns Betrachtende spannend zu sehen, wie die beiden Künstler sich diesem Mythos nähern und ihn in ihren Prozess der Bildwerdung einfließen lassen.Wir finden hier in der Ausstellung auch ein Bild mit dem Titel „Ferienkommunismus“. Es zeigt eine Szene am Rande des Festivals, zwischen den verschiedenen Hauptorten. Dennoch passiert viel in diesem Bild: Es ist eine Nachtszene, die in besondere Lichtstimmung getaucht ist. Wir können Personen erkennen, die in Bewegung sind, teils auch in kleinen Gruppen zusammenstehen. Im rechten Bildteil lassen sich runde Zelte erkennen, im Bildzentrum stehen überfüllte Mülltonnen mit Haufen von Abfällen um sie herum – die in dem Licht aber auch die Anmutung von glitzernden Schätzen haben. Dieses Motiv zeigt nicht das Spektakel selbst, sondern eine kleine Szene am Rande, mit Personen, die sich eher unbeobachtet in der Masse fühlen. Sie posieren nicht für die Kamera, wähnen sich dennoch nicht frei von Blicken, da sie sich im öffentlichen Raum inmitten von anderen Menschen befinden. Es ist eine beiläufige Form des Sozialen, die hier festgehalten wurde.

Römer + Römer haben somit ihre spezifische künstlerische Herangehensweise entwickelt, um diese Orte und Ereignisse zu finden und mit diesen umzugehen. Am Anfang ihres Prozesses liegt eine Ahnung, ein Gefühl, vielleicht auch eine Geschichte, die den Künstlern zugetragen wurde – so war es auch beim Fusion-Festival. Wiederholte Erzählungen von Bekannten brachten die beiden dazu, das Festival in Mecklenburg zu besuchen und dem Mythos, der dieses inzwischen umgibt, visuell nachzuspüren. Auf diese erste Entscheidung folgen verschiedene weitere Stufen des Arbeitsprozesses, die letztendlich auf der Leinwand kulminieren. Wenn sie sich für ein Phänomen entschieden haben, machen Römer + Römer sich auf die Reise. Gemeinam ziehen die beiden mit der Kamera los und bewegen sich in der Menge, in dem Ereignis, an dem Ort, den sie in ihre Bildwelt übersetzen wollen. Sie arbeiten nie mit gefundenen Bildern, sondern für sie ist es essentiell, selbst an den Orten zugegen zu sein und die Stimmung direkt aufzunehmen. Man könnte ihre Anwesenheit als eine teilnehmende Beobachtung beschreiben, denn, so erzählten die Künstler, zum Tanzen und Mitfeiern kämen die beiden selten bei ihren Festivalbesuchen. Sie befinden sich zwar mitten im Geschehen, aber bewegen sich mit beobachtender Distanz – wobei sie darauf bedacht sind, nicht zu sehr als Fremdkörper wahrgenommen zu werden. Es entstehen große Konvolute an Digitalfotografien, von denen hinterher gemeinsam jene ausgesucht werden, die als Motive in Frage kommen. Darauf folgt die Bearbeitung am Computer, als nächster Schritt die Übertragung des Motivs auf die Leinwand, wobei Akkuratesse eine wichtige Rolle spielt. Wenn man sich den Bildern nähert, wird dies offenbar: Punkt für Punkt bzw. Farbfeld für Farbfeld wird nebeneinander gesetzt, jede Farbe einzeln, eine unvorhergesehene Vermischung ist hier nicht gewollt. Hierbei handelt es sich um einen langwierigen Prozess, den beide gleichermaßen ausführen und der sehr kontrolliert abläuft.

Somit wird der flüchtige Moment, der durch die Kamera festgehalten wurde, nochmals übersetzt in ein traditionelles Medium. Aber hier lässt sich Übersetzung nicht im Sinne einer möglichst getreuen Nachahmung von etwas verstehen. Besonders bei der digitalen Bildbearbeitung folgen die Künstler keineswegs einem rein dokumentarischen Impetus: hier geht es auch um eine Verfremdung des Bildes, sie nutzen Unschärfe durch Verpixelung als Stilmittel. Nicht zuletzt hierdurch wird eine bestimmte Stimmung herausgearbeitet, was an dem klaren Farbkonzept jedes einzelnen Werkes deutlich wird: In einem überwiegen die Blautöne, in anderen rötlich-braune, oder auch bunt flimmernd. Dieses Farbspiel ist für die Künstler wichtig und spielt bereits bei der Auswahl der Motive eine zentrale Rolle. So kommen zum Beispiel größere monochrome Flächen in den Werken kaum vor. Zugleich reduzieren die Künstler die nahezu unendlich große Farbpalette der Digitalfotografie, wenn sie das Motiv in Malerei übertragen.

Im Prozess werden somit fotografische und malerische Aspekte miteinander verschränkt, wodurch die Künstler eine eigene Form des Umgangs mit den künstlerischen Medien entwickelt haben. Nichtsdestotrotz steht sie in vielerlei Hinsicht in der westlichen Maltradition und ermöglicht verschiedenste kunsthistorische Bezüge. Die Technik des Auftrags erinnert an den Pointillismus um 1900 bei Malern wie Paul Signac: nebeneinander gesetzte Farbpunkte, die sich erst optisch im Auge des Betrachters mischen. Die flirrenden Szenen und der Umgang mit Licht erinnern wiederum an die Impressionisten. Besonders das Werk „Party-Sträflinge“ von 2015, bei dem der Lichtteppich einer Projektion die Menge visuell eingittert, lässt an Gesellschaftsszenen denken, wie sie bevorzugt im Spätimpressionismus von Malern wie Renoir gemalt wurden. Auch ihn beschäftigte in seinen Werken schon die Darstellung von Masse, die sich aus Individuen zusammensetzt. Ebenso Szenerien im Freien, auch bei Nacht mit besonderer Lichtstimmung, die zum Beispiel von Lampions herrührte, gehören zu seinem Oeuvre. Auch ein Vergleich mit dem Genre der Historienmalerei liegt nicht fern. Besonders die großen Formate können Assoziationen zu monumentalen Werken dieses Genres wecken. Vom kompositorischen Aufbau her kommt den Eigenschaften des Historienbildes wohl am ehesten ein kleinformatiges Werk am nächsten, und zwar jenes mit dem Titel „Antifa MV dankt Fusion“ von 2015. Hier findet sich eine besondere Dramatik des Bildaufbaus durch eine zweigeteilte Gestaltung und übersteigerte Farben, die die dargestellte Szene sublimieren. Bei den Werken von Römer + Römer handelt es sich jedoch um eine ganz eigene Form der Historienmalerei: nicht staatstragende Ereignisse, sondern individuelle Erfahrungen in einer Gemeinschaft stehen im Fokus – Erfahrungen, die die Gemeinschaft aber mittragen. Daher sind es eher Gesellschafts- und Milieuporträts von oft farbig schillernden Phänomenen, die sich sowohl am Rande als auch in der Mitte der Gesellschaft finden lassen.

Mit der Frage nach Gemeinschaft, und welche Rolle der und die Einzelne darin einnehmen kann, ist ein politisch aktuelles Thema berührt, das sich nicht nur im direkten Miteinander, sondern global stellt und die weitere Frage nach sich zieht: Wie wollen wir leben? Unser Agieren im öffentlichen Raum folgt vielerlei Regeln, bewusst und unbewusst; es folgt Gesetzen, Normen, Moralvorstellungen und eigens gesetzten Vorgaben des Verhaltens. In Ausnahmezuständen werden diese Regeln durchlässiger: Ein Phänomen, das in den Werken von Römer + Römer visuell aufgegriffen wird. So loten die Künstler auf ihre Weise die Möglichkeiten der Darstellbarkeit aus und stellen die Frage, welche Rolle die Malerei in unserer Gesellschaft und unserer digital geprägten Welt einnehmen kann, und wie der Aspekt des Digitalen in das analoge Medium der Malerei übersetzt werden kann. Wie wir hier sehen können, haben Römer + Römer hierfür einen sehr überzeugenden Weg gefunden. Wir dürfen also gespannt sein, welche zukünftigen Motive es in den Bilderkosmos der Künstler schaffen – heute abend wünsche ich uns ein wunderbares Eintauchen in die Ausstellung „Generalstreik“.

Luisa Heese

 

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