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  • Claudia Ariane Stamatelatos, Auszug aus der Eröffnungsrede zur Ausstellung im Kunstverein Speyer „Digital Divide – Malerei im Zeitalter Neuer Medien“, 2019

„Sacred Dance ‚white party’ “, 2019, Öl auf Leinwand, 80 x 240 cm

DIGITAL DIVIDE – vielleicht haben Sie sich auch gefragt, was mit diesem Ausdruck gemeint sein könnte?

„Digital Divide“ oder auch „Digital Gap“ bezeichnet eigentlich die Spaltung der Gesellschaft in den Teil, der Zugang zu digitaler Kommunikation und Information hat, und jenen, der davon ausgeschlossen ist.
Als der Ausdruck in den 90er Jahren geprägt wurde, war noch nicht abzusehen, welch gewaltigen Einfluss die digitalen Medien und das Internet auf unseren gesamten Alltag noch nehmen würden.

Unsere heutige Rundum-Versorgung mit digitalen Daten per Smartphone lässt die Zeit, in der man mit Stadtplänen, Faxgeräten oder Farbfilmen hantierte vollkommen überholt, fast absurd weit zurückliegend erscheinen.

Dank günstiger digitaler Technik kann heute auch jeder überall über Bilder verfügen, Bilder herstellen, sie bearbeiten und sofort verbreiten.

Welche Rolle kommt in dieser Situation dem langwierig und aufwendig in Handarbeit hergestellten, gemalten Bild zu? Ist es nicht ein Anachronismus überhaupt noch – und vor allen Dingen gegenständlich – zu malen?

Die Kunsthistorikerin Claire Bishop wundert sich in einem 2012 erschienen Artikel in der Zeitschrift „Artforum“ (Titel: Digital Divide -Contemporary Art and New Media) darüber, wie selten sich zeitgenössische Künstler in ihrem Werk mit dem Einfluss der Digitalisierung auseinandersetzen würden.

Zwar nutzen heute fast alle die Verbreitungs- und Vervielfältigungsmöglichkeiten des Internets. – Und viele Maler verwenden außerdem digitale und digital bearbeitete Fotos als Grundlage für ihre Bilder.-
Aber nur wenige Künstler reflektieren in ihrem Werk den Einfluss digitaler Medien auf unsere Wahrnehmung, auf unser Denken, auf unsere Gewohnheiten.

Mit den uralten Mitteln der Malerei – also mit Eitempera- oder Ölfarben auf Leinwand die Eigenheiten der schnelllebigen digitalen Ära zu untersuchen: Der Kontrast könnte wohl kaum größer, kaum spannender sein.

In eben diesem Spannungsfeld bewegen sich die verschiedenen künstlerischen Positionen der hier ausgestellten Werke.

Während das Berliner Künstlerduo Römer+Römer und der Karlsruher Maler Andreas Lau mit Systemen selbst erzeugter, malerischer „Bildstörungen“ arbeiten, verfolgt der britische Künstler Nick Fudge mit seiner hybriden Strategie (Gemälde und Drucke) einen stärker konzeptionellen Ansatz.

Sowohl Römer+Römer als auch Lau gehen von gegenständlichen Darstellungen aus, die sie in einem aufwendigen Verfahren transformieren. Beide beziehen sich dabei offenbar auf technische Methoden der Bildgenerierung. Sie paraphrasieren Druckraster, Fernsehbilder oder das Pixelrauschen digitaler Fotografie.

Während der fernsehende und digitalfotografierende Konsument heute mit immer gestocheneren und hochaufgelösteren Bildern umworben wird, verwenden Römer+Römer und Andreas Lau viel Zeit und Mühe darauf, ihre Bildmotive in abstrakte Zeichen und Kürzel zu zerlegen. (divide)

Das Prinzip der scheinbar ungenügenden Auflösung führt zu visueller Irritation beim Betrachter. Eine Irritation die ein Nachdenken in zwei Richtungen provoziert:
Wie nehme ich eigentlich wahr?
Und welche Bedeutung hat das, was ich zu erkennen meine?

(…)

Römer+Römer

Anders als Andreas Lau, der für seine Arbeiten meist auf bereits vorhandenes Fotomaterial zurückgreift, zieht das Berliner Künstlerpaar Nina und Torsten Römer vor jedem neuen Projekt mit dem Fotoapparat los – auf Motivsuche.

Nach Südamerika und Russland, nach Nah- und Fernost und schließlich in die USA haben ihre Studienreisen sie in den letzten Jahren geführt.

Nachdem sie sich an der Düsseldorfer Akademie kennengelernt hatten (beide waren Meisterschüler von A. R. Penck) und bald darauf ein Paar wurden, begannen Torsten und Nina Römer gemeinsam an künstlerischen Projekten zu arbeiten.
Nach einer Phase mit performativen Kunstaktionen begannen sie eine Technik zu entwickeln, die es ihnen ermöglichte, gleichzeitig an einem Bild zu malen.

In einer Art zeitgenössischem Pointillismus fertigen sie kleinere bis meterlange Ölgemälde an.
Thematisch bevorzugen Römer+Römer ungestellte Szenen, auf denen (meist viele) Menschen zu sehen sind, die miteinander feiern, demonstrieren oder in einem alltäglichen städtischen Kontext interagieren.

Das Motiv wird dabei zunächst großflächig angelegt und dann in kleinere unregelmäßige Flächen und Farbflecken zerlegt. Aus größerer Distanz erscheint das Bild an Schärfe zu gewinnen. Aus der Nähe verlieren die Formen an Festigkeit: Konturen und Volumen erweisen sich als Illusion. Stattdessen sieht man nun eine abstrakte Fläche farbiger Tupfen.

Hier in Speyer zeigen Römer+Römer jüngere Arbeiten, die nach Fotos von Festivals entstanden sind.

Das „Burning Man“ Festival in der Black Rock Wüste in Nevada zieht alljährlich ungefähr 70.000 Menschen in die heiße staubige Ebene eines ausgetrockneten Salzsees.
Auf einem riesigen, ringförmigen Lagerplatz campieren die Menschen eine Woche lang mit Zelten und Wohnmobilen. Alles, was zum Leben benötigt wird, muss mitgebracht werden. Tagsüber ist es oft heiß. Kommt Wind auf, verschwindet alles in einer Staubwolke.
Am Ende der Woche wird eine riesige Holzfigur verbrannt: Burning Man.
In den Nächten davor wird auf dem zentralen Platz des Camps ekstatisch gefeiert.
Römer+Römer haben das Festival 2017 besucht, und zeigen einige Gemälde aus der Serie „Electric Sky“ , die das nächtliche Licht-Spektakel dort eindrucksvoll wiedergeben:

In „Sacred Dance ´White Party´“, einem 2,40 Meter breiten Gemälde von 2019, sehen wir nächtliches Treiben rings um eine von Feuerschalen beleuchtete Bühne.
In der ziemlich gleichmäßig gerasterten Bildfläche beobachtet man von links nach rechts einen Farbverlauf von warmen, lichten Ockertönen zu kälteren blau-violetten Schattierungen, die den nächtlichen Wüstenhimmel wiedergeben.
Zahlreiche kleinere Lichter, deren Quelle man nicht genau ausmachen kann, sorgen für grell-blaue oder glühend-rote Akzente.
Das auffälligste, alles überstrahlende Licht aber geht links im Bild von einer in den Himmel lodernden Flamme aus.

Die größte monochrome Farbfläche des Bildes erscheint in einem warmen Weiß:
Ein amorpher Fleck, den eine mehrstufige, weite Aura aus Gelb-Orange-Brauntönen umgibt: Als flächig geschichtete Farbverwehungen, die zwar an den Rändern ineinander pixeln, ansonsten jedoch jeweils von einem einzigen Farbton bestimmt sind.

Es entsteht der überzeugende Eindruck eines Feuerscheins, indem die Malerei die optischen Eigenheiten der digitalen Bildwiedergabe imitiert.

Doch durch die grobe Auflösung des Bildes bleibt dem Betrachter ein endgültiges Erkennen der Dinge verwehrt. Obwohl einen das Bild mit seinen panoramatischen Ausmaßen einzuladen scheint, die Szene zu betreten, verwehrt die Grobkörnigkeit des Motivs ein Eindringen in die Tiefe des Raumes. – Und je näher wir treten, desto desillusionierter werden wir.

Das gesamte Bild wird als etwas Zusammengesetztes, Gemachtes wahrnehmbar, und man ist verwundert, wie scheinbar zufällig die Farbtupfen gesetzt wurden.

Der Kunstkritiker und Journalist Félix Féneon schrieb über die Arbeitsweise der französischen Pointillisten im 19. Jahrhundert:

„Welchen Teil man auch näher betrachtet, kommt eine gleichförmige, beharrliche Flick- und Webarbeit zum Vorschein: Hier richtet die eigene Klaue nichts an, ist Schwindelei unmöglich, ist kein Platz für einen Bravourakt; ist die Hand auch taub, der Blick ist flink, scharfsichtig, kundig.“

Zwar sind Römer+Römer zweifellos keine traditionellen Pointillisten, doch auch sie arbeiten in einem ähnlich Fleiß und Geduld erfordernden Malstil. Ein spontaner, individueller Duktus wird zugunsten eines gleichmäßigen Gesamtbildes unterdrückt. Auch sie verfügen über den konzeptionellen Weitblick, der aus Tausenden unscheinbarer Punkte ein spektakuläres Gesamtbild werden lässt.
– Zudem: Ein geradezu idealer Stil, wenn man zu zweit an einem Bild arbeitet, das trotzdem wie aus einem Guss erscheinen soll.-

(…)

 

Rede anlässlich der  Eröffnung der Ausstellung „Digital Divide – Malerei im Zeitalter Neuer Medien“ (Künstler: Andreas Lau, Römer + Römer, Nick Fudge) im Kunstverein Speyer , 1.12.2019

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