KUNSTFORUM INTERNATIONAL

BAND 192, 2008, AUSSTELLUNGEN: BERLIN, S. 261
Peter Funken


Römer + Römer „Barfuß kommt ihr hier nicht rein"
Galerie Michael Schultz, 14. 6. – 26. 7. 2008

roemer und roemer
Römer + Römer "Keine Raeumung - Schwarzer Kanal", Öl auf Leinwand, 115x150 cm

roemer und roemer
Römer + Römer "Gegen Markt", 2008, Öl auf Leinwand, 115x150 cm


Römer + Römer – das ist ein Künstlerpaar in Berlin. Darüber hinaus steht Römer + Römer für ein Malkonzept, eine Facon Dinge und Wirklichkeit zu sehen und malerisch zu formulieren. Malerei, wie sie Nina und Torsten Römer betreiben, ist Reflektion und Kolportage über die Gegenwart der Gesellschaft und der Stadt, in der sie leben. In ihrer Kunst zeigen sie soziale Wirklichkeit und einen bestimmten way of life, den sie in Berlin wahrnehmen. In der Galerie Michael Schultz stellte das Paar elf neue Bilder aus, die vornehmlich Momente von Demonstrationen und politischen Kundgebungen abbilden. Mit solchen Arbeiten, die in diesem und im letzten Jahren entstanden, setzen Römer + Römer das fort, was ihr Werk bereits bisher auszeichnete: Malerei zu den Bedingungen der technischen Medien und eine Kunst, die subjektiv gesellschaftliche Wirklichkeit spiegelt und dokumentiert. Der Vorgang ihrer Bildherstellung lässt sich als Verbindung von technischem Prozess mit handwerklich tradierter Malmethode beschreiben: Zuerst fotografiert das Künstlerpaar Situationen und Szenen, die es in der Öffentlichkeit beobachtet. Danach wählen die Römers jene Digitalfotos aus, die sie in Malerei umsetzen wollen. Der Computer ist dabei ein wichtiges Werkzeug; in ihm speichern sie nicht nur die Fotos, mit ihm legen sie Bildausschnitte fest und bestimmen Farbwerte, die sie beim Malen auf die Leinwand übertragen. Man kann solche Malerei im Sinne einer Reportagetätigkeit begreifen, als quasi realistische Darstellung von Realität, die in sich widersprüchlich, voller Brüche, manchmal sogar chaotisch ist. Die Kunst der Römers lässt sich als Beitrag zur Bildkultur im beginnenden 21. Jahrhundert verorten, als Ausdruck einer hybriden Artistik, bei der die technischen Möglichkeiten fast alle Voraussetzungen schaffen, um neue malerische Abbilder der Wirklichkeit zu inszenieren. Römer + Römer wollen keineswegs eindeutige Wahrheiten über politische Zustände in den Raum stellen - dies würde bedeuten, sich mit den Parolen und Slogans auf den Transparenten zu identifizieren. Vielmehr wird gerade durch den malerisch inszenierten Kamerablick eine Distanz zur Lautheit der Parolen gesucht. Diese Distanz verwirklichen die Römers vermittels eines analytischen, addierenden Farbauftrags, bei dem diverse Farbwerte nebeneinander stehen, so dass sich die Gesamtsicht eines Bildes erst aus der Entfernung einstellt. Mit der Darstellung von Demonstrationen im großen Format wird von Römer + Römer die Idee des Historienbildes neu aufgenommen. Dieses Genre hatte vor allem in der vor-fotografischen Epoche einen herausragenden Platz. In den letzten Jahren erlebte das gemalte Historienbild eine Art von Renaissance, natürlich unter anderen Vorzeichen, als vor der Erfindung der Fotografie. So wie das Politische im medialen Zeitalter wie eine Simulation seiner selbst erscheint, so wirkt auch die Malerei der Römers wie eine simulierende Kunst, bei dem das Bild auf der Basis technischer Könnerschaft zum Ausdrucksträger von Emotionalität wird. Vielleicht ist es dies, was ihre Malerei derzeit so begehrt macht. Man kann vermuten, dass die Römers politische Manifestation auch deshalb malerisch aufgreifen, weil solche Situationen Möglichkeiten bieten, Menschenansammlungen differenziert darzustellen. Es geht dem Künstlerpaar, so scheint es, letztlich vor allem um die Inszenierung thematischer und kompositorische Spannung. Das gemalte Bild besitzt gegenüber der Fotografie besondere sinnliche Eigenschaften, die insgesamt in Richtung einer Emotionalisierung und eines daraus resultierenden Bedeutungszuwachses weisen. Solche Emotionalisierung ereignet sich bei der Malerei des Duos aufgrund der Thematik, der Formate und der Oberflächengestaltung durch Farben und deren Gefühlsqualitäten. Bei Römer + Römer geschieht die Emotionalisierung jedoch sozusagen gebremst, trifft sie doch auf ihr Gegenstück – auf die analytische Rationalität beim Farbauftrag. Ein präzis-scharfes Bild, der Fotovorlage vergleichbar, wird man nur aus einer Wahrnehmungsdistanz erkennen. Kommt man dem Bild zu nahe, so zerfällt die betrachtete Stelle in ein multiples Gewirr von Pixeln und Tupfen. Mit solcher Form der Malerei reagieren Römer + Römer augenscheinlich auf das, was die Physiologie des Sehens ausmacht - also eine Tätigkeit, die physiologisch immer nur im punktuellen Scharfsehen stattfindet. Malerei wird somit zum Gegenstand, wie zum Ort der Analyse visuellen Wahrnehmens. Das Emotionale erfährt eine immanente Kontrolle durch die Malmethode. Im Bild entsteht ein Widerspruch zwischen der durch Thema, Farbe und Format erzeugten Emotionalität und der Rationalität im Farbauftrag. Dieser Gegensatz wird wie eine zu beantwortende Frage von den Künstlern an die Betrachter weitergeleitet und konstituiert Struktur und Substanz einer Kunst, die sozio-medialen Charakter besitzt und dabei zugleich mit Emotion und Sinnlichkeit argumentiert.

Peter Funken