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DEEDS, Interview zum Berliner Gallery Weekend mit Andreas Kramer, 24/04/2019
Kunstforum International, Matthias Reichelt „RÖMER + RÖMER: Burning Man | Electric Sky“, Bd. 259 Staunen / 2019
Der Tagesspiegel, Christiane Meixner „Wüste Freiheit“, Ticket / 21 – 27/02/2019

Abb.: Römer+Römer „Electric Cloud“, Ø 120 cm, Öl und Acryl auf Leinwand, 2018

Irgendwo zwischen Apokalypse, Party und Spektakel siedelt das jährliche Festival „Burning Man“ in der Black Rock Desert in Nevada. Acht Tage lang verwandelt sich die karge Landschaft in ein Meer aus Flammen und Licht, den künstlerischen Ideen zehntausender Fans sind kaum Grenzen gesetzt. In diesen Strom frei werdender Energien hat sich 2017 das Berliner Künstlerpaar Römer + Römer begeben – auf eine Reise mit der Kamera, was typisch für die beiden ist, denn ihre Aufnahmen legen sie den danach gemalten Großformaten zugrunde. Das Duo lebt und arbeitet seit 1998 zusammen, seit seiner Zeit an der Düsseldorfer Kunstakademie als Meisterschüler von A.R. Penck. Die Motive entstehen in Kooperation und waren lange pointillistisch gehalten. Eine Doppelbödigkeit, denn die Zerlegung des Motivs kann sowohl als Rückgriff auf die extrem subjektive Bildwelt der Impressionisten als auch auf die sachliche Pixelstruktur der digitalen Bilderwelt gelesen werden. Römer + Römer lösen den Widerspruch nicht auf, sondern lassen ihre Arbeit zwischen den Polen oszillieren. Die gesamte Serie „Burning Man – Electric Sky“ ist im Haus am Lützowplatz zu sehen.Es sind vorwiegend nächtliche Szenen, die die zahllosen Gigs mit ihren karnevalesken Wagen und der abschließenden Verbrennung von „The Man“ surreal verstärken, während sie die Menschen in Schatten verwandeln. Eine kreative wie künstliche Welt, von der sich das Duo magisch angezogen fühlt und eine Botschaft der Entgrenzung destilliert. Dazu bewahrt es das Feuer eines hypnotischen get together, das seine Spuren am Ende restlos beseitigt.

Berliner Zeitung, Irmgard Berner „Brennende Pinsel“, 8/02/2019
Berliner Morgenpost, Angela Hohmann „Alles nur eine Fata Morgana“, 6/02/2019
BZ, Claudia von Duehren „So richtig nett malt es sich nur im Duett“, 23/01/2019
DEWEZET, Richard Peter „Brillant verspielt und verkünstelt“,  2/04/2019


Abb.: Römer+Römer „Am Stadtstrand von Kiew“, Öl und Acryl auf Leinwand, 180 x 300 cm, 2012

Römer + Römer mit „Party Sträflinge“ im Kunstkreis

Hameln Vor einer Woche noch wäre es als probates Mittel gegen den diesjährigen Sommer-Blues durchgegangen – und siehe da: Die Chose funktioniert auch an Hundstagen mit strahlend blauem Himmel und Schweinehitze.
Die Welt ist bunt – und gepixelt. Zumindest bei Torsten und Nina Römer. Das deutsch-russiche Künstlerpaar aus Berlin. dessen „Party Sträflinge” im Titel – und nicht nur sie – eine hinreißende Show an Kunstkreiswänden versprechen. Leichtigkeit, Lebensfreude, bunte Welt, die so leicht, freudig und bunt nicht immer ist.
Man darf nur nicht genau hinschauen. Die Basis: Alltag. Fotos, brillant verspielt, verkünstelt und kunstvoll gestaltet. Und seit Samstagnachmittag im Hamelner Kunstkreis zu bestaunen und vergnügt zu genießen. Was da so grellbunt an den Galeriewänden die Blicke – mal staunend verstörend oder heiter vergnügt – auf sich zieht, ist neben aller Verspieltheit genau kalkulierte, gestaltete Kunst.
Und die Basis allemal: sehen und schauen – ein Horst Janssen nannte es „gucken“. Und genau das machen Römer + Römer, die rund zehn Jahre altersmäßig getrennt, sie die Jüngere, gemeinsam Meisterschüler von Prof. A. R. Penck an der Kunstakademie Düsseldorf waren, an der unter anderen auch ein Beuys lehrte. Eigenständige, solitäre Werke – Foto-Serien aus Brasilien, Japan, der Ukraine.

Subkulturen, wie Isabelle Meiffert sie in ihrer Einführung zur Eröffnung der Ausstellung nannte. Karneval in Rio, beispielsweise. Geduldsarbeit im Studio. Auswahl aus Hunderten von Fotos, Ausschnitte bestimmen. Gemeinsamer Malprozess.
Neben Flächigem reizvolle Punktierungen, die sich je nach Standort als Auflösung in unterschiedlich gestalteten Pixel oder wie magisch verzaubert als Bild darstellen. Fast altmeisterlich – was die Zeit betrifft. Malprozesse mit einem Paar vor der Leinwand. Gleichberechtigt. Unübersehbar der Einfluss der Fotografie und Impressionisten, die so unvergleichlich Stimmungen festhielten.
Monet vor allem mit seinen „Nympheas” zu unterschiedlichen Tageszeiten gestaltet – oder Sisley mit seinem so ganz eigenen Stil, dem Pointillismus, der so magisch mit Augentäuschung spielt. Und der Betrachter allemal eingebunden durch nichts als wechselnde Distanz.

Bei Römer + Römer doppelt gemoppelt: Ihr monumentales Kiew-Bild an der Kunstkreis-Stirmwand ist auch in 3-D zu erleben. Mit Brille. Wenn auch nicht durchgängig, weil das Künstlerpaar seine Bilder immer wieder bricht, die Punkte oder Pixel mit flächigen Figuren kombiniert und die punktuelle Wirkung variiert. Mal stärker, mal schwächer. So gelingt auch der Brillen-Blick nur scheinbar und partiell.
Ein Phänomen: Schnappschüsse, sozusagen Momentaufnahmen ins Künstlerische transformiert. Gesteigerter Alltag. Wichtig für Römer + Römer, wie Isabelle Meiffert es formuliert: Gegenwelten. Und wie beim Karneval in Rio Aufhebung der sozialen Unterschiede. Das Anderssein als Ausgleich und Ventil. Parallelwelten. Eskapismus als Flucht und Chance, die Realität – wenn auch anders – wahrzunehmen.

Valse noble – zwei Stücke von Ravel von Mischa Tangian am Kunstkreis-Klavier vorgetragen – vor allem aber Ausschnitte aus seiner Kammeroper „Moby Dick“, die am 25. September im Ballhof Eins in Hannover uraufgeführt wird. Und wie Dr. Victor Svec in Vertretung von Klaus Arnold formuliert: Heiße Bilder und egal was heißer sein könnt: das Innen oder Außen.

Mittelbayerische, Gabriele Mayer „Ein buntes Fest für die Augen“, 25/09/2018

Das Künstler-Duo Römer+Römer zeigt pixelartig verfremdete Malerei. Erstmals sind die Arbeiten in Regensburg zu sehen.

Regensburg  – Das volle Leben, der lebendige Augenblick, Feiern, Feste, Tanzen am Strand. Manchmal werden Personen hervorgehoben, mit denen sich der Betrachter identifizieren kann, Bildtitel wie „Brians enge Strumpfhose“ unterstreichen es. Aber alles und alle sind in Bewegung, ein Flirren, ein Lichtschimmern in buntem Farbenspiel: Bilder beseelter Gemeinschaftlichkeit. Eine Magie zieht den Betrachter an.

Das hat mit der ganz speziellen Machart der Arbeiten von Römer+Römer, dem Künstlerpaar Torsten und Nina Römer, zu tun, die ihre aufwendigen Öl-Bilder immer gemeinsam malen. Studiert haben sie bei A.R. Penck. Ihr Metier sind aber nicht runenartig abstrahierte Icons, sondern winzige, gepinselte übereinander und nebeneinander gelegte Farbpixel, wobei der Bildaufbau insgesamt polyphon ist wie bei Penck.

Ihre Bildmotive suchen sie immer dort, wo Menschen, sei es aus politischen Gründen oder zum Vergnügen, auf Festivals, zusammenkommen. Für Bewegungen, auch im übertragenen Sinn des Wortes, interessiert sich das Künstler-Duo. Ihre Serien gelten bisweilen als moderne Historienmalerei, modern auch deshalb, weil statt staatstragenden Herrschern das Volk und seine Aktivität und Bewegtheit gezeigt werden: Unkomplizierte Kommunikation, entspannte Momente, darauf kommt es Römer+Römer an. Zunächst machen sie Fotos von Szenen im öffentlichen Raum, etwa von einem „Tanz auf der Seebühne“. Und verwandeln sie in ihrer pixelartigen Malerei zu Szenen, die den Augenblick als Augenblick, als ein Fließen, ein Schillern und Leuchten zur Geltung bringen, und das Lebendige des Lebens vergrößern und künstlerisch idealisieren.

Das Bild hinter dem Bild

Die Wirkung solcher Stimmungsmotive lässt sich heute mit Fotografien nicht leicht herstellen. Sie scheinen in dieser Hinsicht abgenutzt, man denke nur an die unzähligen bunten Fotos aus der Hippie-Ära. Außerdem geht es dem Duo auch darum, das Verhältnis der darstellenden Malerei zum Hauptmedium der Abbildung, der Fotografie, zu reflektieren, so dass auch der Betrachter zu einer Auseinandersetzung animiert wird. Inwiefern die ungewöhnliche Malerei von Römer+Römer etwas erzeugt, was die Fotografie so nicht kann, zeigt jetzt ihre erste Ausstellung in Regensburg im Kunstkabinett. Bereits die cinemascopeartig in die Breite gezogenen Bildformate bringen das Vorbeiziehen, aber auch das Sich-Dehnen, die Präsenz der Zeit zum Ausdruck. Und bei „Schulmädchen im Meer des Friedens“ scheinen die Wellen direkt aus dem Bild heraus zum Betrachter hinzufluten. Das hat mit der Lichtbrechung dieser ungewöhnlichen Pixel-Malerei zu tun. Bei anderer Beleuchtung schienen die Bilder und ihre Motive dagegen wie aus lauter glitzernden, kostbaren Konfettikörnern zufällig aus dem Moment heraus zusammengewürfelt zu sein. Aus der Ferne wirken sie stattdessen ungemein fotografisch.

Die Ausstellung

Bei Nahsicht verändern sie sich wie durch Zauberei, und die wunderlichen Farbflecken wirken fast als kämen sie vom Digitalstudio. Aus der unmittelbaren Nähe löst sich alles in diese abstrakten Farbflecken auf, das rekurriert auch auf den Impressionismus, der das Flirren und Sichauflösen der Dinge in der Sonne, die stete Veränderung der Wahrnehmung im Fluss der Zeit und des Lichts und des empfundenen Augenblicks darstellt. Nebenbei spielen die Künstler mit der Konstruktionslust des Betrachterhirns, die Flecken wieder zu erkennbaren Figuren zusammenzusetzen, wie bei der uns vertrauten Übung, das Sich-Aufbauen eines digitalen Bildes zu betrachten, ohne dass die Malerei diesen Vorgang imitieren will.

Eine Ebene der Verwandlung

Denn die Malerei als Malerei unterläuft von sich aus die Programme und Verfahren des Digitalen, indem sie sie nicht nur aufgreift, sondern darstellt, Römer+Römer ziehen mit ihrer Kunst sozusagen eine Ebene der Reflexion, der Verwandlung und Überhöhung ein. Darin liegt der gewisse Charme dieser mit Oberflächenreizen spielenden Kunst.

Allgemeine Zeitung, Manuela Reher „Generalstreik im Kunstverein“, 10/06/2017

Abb.: Römer+Römer „Flanierende Fusionisten“, 2017, Öl auf Leinwand, 100 x 130 cm

Coesfeld Je näher man an die Bilder des Künstlerpaars Nina und Torsten Römer aus Berlin herankommt, desto mehr ist der Betrachter überrascht davon, dass sie aus einer Vielzahl von farbigen Punkten bestehen – fast wie Pixel von Fotos einer Digitalkamera.

Die Besucher des Kunstvereins im Jakobiwall sind eingeladen, dem Geheimnis dieser besonderen Gemälde auf die Spur zu kommen. Die Ausstellung „Generalstreik“ mit 19 Werken von Römer+Römer wird am Sonntag (11. 6.) um 17 Uhr eröffnet. Louisa Heese von der Kunsthalle Baden-Baden wird den Besuchern die Besonderheiten dieser speziellen Maltechnik erläutern.

Grundlage für die Ölbilder sind Fotos vom Fusion-Festival, bei dem sich einmal im Jahr Tausende von Techno-Fans aus aller Welt treffen. Das Künstlerpaar Römer nutzt die digital bearbeiteten Foto-Aufnahmen als Ausgangspunkt für seine Gemälde, die sich aus zahlreichen Einzelpunkten zusammensetzen. Jeder Punkt steht für sich. Die Ölfarbe verläuft nicht und beeinträchtigt damit nicht benachbarte Farbflächen. Das setzt voraus, dass Nina und Torsten Römer die einzelnen Punkte erst lange trocknen lassen müssen, bevor sie neue setzen. „Die Malerei ordnet sich der Fototechnik unter“, kommentiert Jutta Meyer zu Riemsloh, Vorsitzende und Geschäftsführerin des Kunstvereins Münsterland. Sie erläutert: „Die Bilder zeigen Teilnehmer des Festivals in einem kollektiven Ausnahmezustand, der die Realität vergessen lässt und die Sehnsucht nach einer anderen Welt spiegelt.“ Begegnungen von Menschen verschiedener Kulturen werden gezeigt. Die Bilder heißen „Party-Sträflinge“, „Fusionistas“ oder auch „Security“.

Bei den Bildern handele es sich um Bestandsaufnahmen wie bei einem Historienbild. „Ganz ohne Wertung“, kommentiert Jutta Meyer zu Riemsloh. Mit der Ausstellung wolle der Kunstverein vor allem junge Leute ansprechen, die solche Veranstaltungen wie das Fusion-Festival gerne besuchen.

Die Ausstellung „Generalstreik“ von Römer+Römer ist bis zum 28. August dienstags bis freitags von 14 bis 18 Uhr sowie samstags von 10 bis 13 Uhr und sonntags von 11 bis 17 Uhr im Kunstverein Münsterland, Jakobiwall 1, zu sehen.

Streiflichter, Ina Lembeck „Zehn Wochen «Generalstreik» im Kunstverein Münsterland“, 14/06/2017


Abb.: Römer+Römer „Security“, 2016, Öl auf Leinwand, 230 x 300 cm

Coesfeld Am Sonntag begrüßte der Kunstverein Münsterland e.V. das Künstlerpaar Nina und Thorsten Römer, dessen Werke nun die Wände und Säulen der Ausstellungshalle zieren. Das Paar hat 17 Leinwände im Gepäck – zu sehen sind Fotografien nachempfundene, farbenfrohe Malereien, die sich bei näherer Betrachtung aus unzähligen Einzelpunkten zusammensetzen. Als Titel der Ausstellung wählte das Paar „Generalstreik“.

„Wer hier die Darstellung einer Krise oder gesellschaftlichen Abgründen assoziiert, ist auf dem Holzweg“, berichtete Luisa Heese, Kuratorin der Kunsthalle Baden-Baden, die die Künstler bei der Eröffnung ihrer Ausstellung vorstellte und durch die Bilder leitete. Die Werke, die Menschenansammlungen in verschiedenen Kostümierungen, Situationen und Lichtstimmungen zeigen, beschäftigen sich vielmehr mit dem Verhältnis des Individuums zur Gesellschaft.

„Der Betrachter soll dazu inspiriert werden, sich selbst zu überprüfen. Die Bilder können Fragen wie ,Was ist Gemeinschaft?´ oder ,Welche Rolle spielt die Malerei in der digitalen Welt?´ aufwerfen“, so Luisa Heese.Die Geschichte dahinter: Das in Berlin lebende Paar besuchte ab 2012 drei Jahre in Folge das auf einem ehemaligen sowjetischen Militärflugplatz stattfindende „Fusion“-Musikfestival in Mecklenburg-Vorpommern, das für seine besondere Stimmung bekannt ist. „Der Ausstellungstitel ,Generalstreik´ verweist darauf, dass das Event seine Teilnehmer in einen kollektiven Ausnahmezustand versetzt, der die Realität vergessen lässt und die Sehnsucht nach einer anderen Welt spiegelt“, erklärte Jutta Meyer zu Riemsloh, Geschäftsführerin des Kunstvereins.Nina und Thorsten Römer dokumentierten ihre Festival-Erfahrungen mit der Kamera; diese digital bearbeiteten Aufnahmen sind Grundlage für die Arbeiten des Paares. Das Wichtigste ist für das Künstlerpaar beim Arbeitsprozess die gemeinsame Zusammenarbeit: So entstehen seit 19 Jahren erfolgreich ihre gemeinschaftlichen Werke.

Berlinerin, Tanja Nedwig „Römer+Römer“, 10/2017
Schwäbische, Barbara Körner „Römers gestalten ihre Bilder gemeinsam“, 5/09/2016

Abb.: Römer+Römer „Tanz auf der Seebühne“, 2015, Öl auf Leinwand, 110 x 150 cm

Bei ganz flüchtigem Hingucken haben die Werke von Torsten und Nina Römer an impressionistische Gemälde erinnert. Die hingetupften Farben sind aber das Ergebnis von fotografischen Vorstudien, aus Pixeln wurden Punkte auf der Leinwand.

Das deutsch-russische Ehepaar malt immer gemeinsam an einem Bild, erklärte Dorothea Baer-Bogenschütz, die in die Ausstellung „TanzMeer“ in Mochental einführte. Bei großformatigen Werken geschähe das Seite an Seite, bei den kleinformatigen, malt immer einer an einem Bild, der andere führt die Arbeit fort.

Doch bevor Nina und Torsten Römer malen, fotografieren sie ihr Objekt, „alle Orte, die wir malen, haben wir besucht“, erzählten sie. Sie drehten und wendeten ihre Fotos, überlagerten Elemente, fremde Elemente wurden eingearbeitet. Um ein Bild des Ehepaars Römer zu erfassen, ist es nötig, es aus einer gewissen Distanz zu betrachten, Unschärfen und Schatten wurden bewusst eingesetzt, der Betrachter muss im Geist ergänzen, was er nicht sieht.

Einen breiten Raum der Ausstellung in Mochental nehmen die Bilder vom brasilianischen Karneval ein. Es sind die Vorbereitungen bei der Aufstellung zur großen Samaba-Parade, die die Römers eingefangen haben. „Der eigentliche Auftritt ist weniger spannend“, sagten sie. Sie haben den Energiestrom der letzten Minuten vor der Parade gespürt und eingefangen. „Samba ist mehr als ein Tanz und ein Rhythmus“, wollen die beiden Maler mit ihren Bildern ausdrücken.

Gegenstück in Mochental dazu sind die Bilder des Künstlerpaares aus Korea. Warum die Schulkinder dort angekleidet ins Wasser gehen, bleibt ein Geheimnis. Der Bilderzyklus die Flut enthält, so Baer-Bogenschütz aktuelle Gedanken zur Nachhaltigkeit. „Tauchen Sie ein in das Tanz-Meer von Römer und Römer“, riet die Moderatorin den Besuchern der Vernissage.

taz, Brigitte Werneburg „Pixelparkdivisionismus: Wo ist eigentlich gestern?“, 29/10/2015

Abb.: Abb.: Römer+Römer: „Sputnik“, 2015, Öl auf Leinwand, 110 x 150 cm

Obwohl wir in unserem Alltag von fotografischen und filmischen Bildern umstellt sind, bekommen wir doch nie genug von diesen Bildern. Und gerade dann, wenn sie gemalt sind, bereiten sie uns noch einmal viel mehr Vergnügen. So wie Römer + Römers nur 55 cm hohes, aber sich einen Meter neunzig lang hinziehendes „Tanzmeer“, das eine ausgelassen feiernde Menschenmenge zeigt, wobei das deutsch-russische Paar − die Ölfarbe in nachgerade divisionistischer Manier auf Leinwand setzend − eine so heitere, unbeschwerte Stimmung evoziert, wie man sie wirklich zuletzt bei den Neoimpressionisten sah. Drei Jahre hintereinander haben sie sich auf dem „Fusion-Festival“ in Lärz, Mecklenburg herumgetrieben und die Technoveranstaltung zunächst in einer Vielzahl von Fotos festgehalten, die am Computer bearbeitet, montiert und verfremdet, die idealen Motive für ihre Idee von Malerei liefern: als reportierende und abstrahierende Visualisierung zugleich. Dazu bedienen sie sich der Technik George Seurrats oder Paul Signacs, die Farben streng getrennt nebeneinanderzusetzen. So betonen sie das Konstruierte ihrer Malerei, die deswegen aber ihren wirklichkeitsillusionistischen Zauber nicht verliert.

 

Der Tagesspiegel / Mehr Berlin, Jan Oberländer, 5/2015
Berliner Morgenpost, Gabriela Walde „Künstlerduo Römer + Römer: Malen mit Tausend Pünktchen“, 29/12/2015

Atelierbesuch: Kunst aus dem Geist der digitalen Welt: Das Künstlerduo Römer + Römer steht gemeinsam an der Leinwand. Ein Atelierbesuch in Kreuzberg. Foto: Frank Lehmann

Künstlerpaare gibt es viele. Christo und Jeanne-Claude waren eins, Gilbert & George arbeiten und leben in London auch seit Jahrzehnten zusammen. Aber wie malt man eigentlich als Ehepaar an einer Leinwand? Wo fängt man da an, wenn man sich Römer + Römer nennt? Sie, Nina Römer, 37, steht links, er, Torsten, 47, rechts. Oft nehmen sie Leitern, um die große Bildfläche drei, manchmal sieben Meter lang, gut zu erreichen. Mit dem Rahmen lehnt sie an der Atelierwand. Jeder der beiden hat einen Pinsel in der Hand, gleiche Größe, damit die Technik stimmt. „Das geht gut!“, sagt Nina Römer.

Der gemalte Ferienkommunismus im Mecklenburgischen

Man darf sich das in ihrem Atelier in einer ausgedienten Fabrikhalle für Armaturen nahe des Moritzplatzes durchaus als eine Variante der Meditation vorstellen. Pünktchen an Pünktchen, Öl auf Leinwand, meterweise, das verlangt Konzentration. Viel dunkles Grün, helles mittendrin für die Rasenfläche, Violet für den Sputnik, ein sanftes Gelb für die untergehende Sonne. Von weitem sieht das aus wie ein überdimensioniertes Pixelbild aus dem Computer. Kunsthistoriker erinnert das wohl eher an die großen Impressionisten, die einst mit Palette und Staffelei hinaus in die Natur zogen. Luft und Licht – das gehörte zu ihrer Malerei. Bei Römer + Römer liegt das etwas anders, als Vorlage dient dem russischdeutschen Duo nämlich immer ein Foto. Wie auf einem Display kann man die Bilder der beiden Berliner dann auch „zoomen“. Vor der Malerei kommt immer die Fotografie. Beide ziehen los, jeder von ihnen hat seine Kamera in der Hand. Gleiches Motiv, unterschiedliche Perspektiven. Später am Tag sitzen sie dann vor ihren Computern, sichten die Aufnahmen und treffen gemeinsam eine Auswahl. „Das ist dann schon ein großer Teil unserer Arbeit“, erzählt Nina Römer. Eine Serie hat die beiden über mehrere Jahr beschäftigt, die Aufnahmen vom Fusion-Festival, das jährlich auf einem ehemaligen russischen Militärflugplatz in Lärz im Mecklenburgischen stattfindet. Eine Art veganer, werbefreier „Ferienkommunismus“, musikalisch ein alternativer Satellit, auf dem viele Clubs der Hauptstadt vertreten sind. Sommer-Hedonismus pur: Musik. Tanz. Performance. Lichtgewitter. Pillen. Rausch. Die Nacht wird zum Designer Drei Jahre hintereinander waren die Berliner dabei, haben die Nacht zum Tag gemacht, die Kamera immer im Anschlag. Junge Männer und Frauen beim Tanzen („Tanzmeer“), beim Umarmen, beim Musikhören („Generalstreik“), Trinken, was man eben so macht auf einem Festival, das nicht weniger als den Weltfrieden will. Die Nacht wird zum Designer. Die Techno-Kultur, das artifizielle Stroboskoplicht, der Rausch, das Gruppengefühl – all das entspricht der Ästhetik der Bilder von Römer & Römer. Es gibt dabei Hoch- und extreme Querformate. Auf der Biennale in Venedig haben sie ihre Arbeiten dieses Jahr gezeigt, in ihrer Galerie Michael Schultz in Charlottenburg („Wo ist eigentlich gestern“), zuletzt im Haus am Lützowplatz. Kennengelernt haben sie sich bei A. R. Penck – dem Maestro der Strichmännchen – an der Düsseldorfer Kunstakademie, beide haben den Meisterschüler bei ihm gemacht. 17 Jahre sind sie nun im Leben wie in der Kunst schon ein Duo. „Bald volljährig“, lacht Nina Römer, die aus Moskau kommt. Im Milleniumjahr kamen sie nach Berlin, weil es alle Künstler nach Berlin zog. Damals kostete ihr Atelier-Quadratmeter um die fünf Euro, jetzt sind es über neun Euro, 2016 will ihr Vermieter die Studios auf dem „Aqua“-Areal auf 13 Euro erhöhen. Bei 100 Quadratemetern lässt sich das nicht mehr so einfach finanzieren. So ändert sich Berlin für viele. Einige ihre Kunstkollegen seien schon nach Hohenschönhausen gezogen, in ein ehemaliges Quartier der Stasi, mit den öffentlichen Verkehrsmitteln schwer erreichbar. Vielleicht suchen sie sich auch bald etwas anderes.

Malerei, die vom Aufschwung der Medien lebt

Die Diskussionen um die Malerei verfolgen beide. Klar, die gibt es schließlich alle Jahre wieder. Die Jungen Wilden, die Neue Leipziger Schule, es wiederholt sich und es gibt immer Modewellen, meint Torsten Römer. Die beiden haben zwischendurch aufgehört zu malen, haben Performances gemacht und Installationen gezeigt. Zur Malerei kamen die beiden zurück, als die digitalen Medien ihren Aufschwung erlebten. „Wir hatten die Idee, die digitalen Bilder zurückzuführen in die Malerei“, erklärt Nina Römer. Wobei wir am Schluss nur das gemalte Bild sehen, das von weitem aussieht wie ein übergroßes Pixelbild. Mit dem Fusion-Festival jedenfalls sind sie noch nicht am Ende.

Wochenschau „Kunstverein Niebüll: Ausstellung im Richard-Haizmann-Museum“, 2/02/2014
NF-Tageblatt, Ursula Konitzki „Erkenntnis durch Unschärfe“, 10/02/2014
NF-Tagesblatt, „Römer+Römer im Haizmann-Museum“, 28/01/2014
Wochenschau, Prenze „Verfremdete Realität“, 23/02/2014

Abb.: Römer+Römer: „Viradouros Bräute im Traumbild von Alaide“, 2012, Öl auf Leinwand, 220 x 300 cm

Ausstellung: „Römer+Römer “ im Richard Haizmann-Museum

Sind das nun Fotografien — oder gemalte Bilder? Auf den ersten Blick erscheinen die Arbeiten des Berliner Künstlerpaars Römer+Römer wie großformatige, unscharfe Schnappschüsse. Oder ist doch alles nur gemalt? Der Pfiff bei der aktuellen Ausstellung im Niebüller Richard-Haizmann-Museum: Fotografie und Malerei finden überzeugend zusammen. Natürlich leicht ironisch, dem Zeitgeist entsprechend, das Reale ins Surreale verfremdet. Berliner Straßenszenen, Feste, Kneipensituationen, Alltags-Motive einer manipulierten Realität. Nina und Torsten Römer bearbeiten ihre oft auch auf Reisen entstandenen skurrilen Fotos am Rechner — und bemalen diese dann intensiv. Badende Schulmädchen in Korea oder weiß gekleidete männliche Bräute in Rio, ein Brunnen am Alexanderplatz. Für eine Werkserie von zehn bis 15 Bildern werden bis zu 15.000 Fotos benötigt.

Die Fotos werden Punkt für Punkt punktuell mit Ölfarbe aufwändig „verpixelt“. Diese Punktrasterung wirkt zeitgemäß; zerlegt da Motiv in sichtbare Bildpunkte. Der Widerspruch zwischen impiessionistischer Tradition und der digitalen Avantgarde des Medienzeitalters löst sich auf. Die Arbeiten von „Römer+Römer“ hängen bis zum 9. März im Richard-Haizmann-Museum und sind während der Öffnungszeiten des Kunstmuseums täglich außer Montag von 15.00 bis 18.00 Uhr zu sehen.

DB Deutsche Bahn Magazin Mobil „Was berührt“, 2/2014
Tópicos, Tereza de Arruda „Römer+Römer «Sambódromo»“, 3/2013

Abb.: Römer+Römer „Cucumbí Indianer in der Concentração“, 2013, Öl auf Leinwand, 200 x 180 cm

Das deutsch-russische Künstlerpaar Römer + Römer zeigt in Berlin unter dem Titel „Sambódromo“ großformatige Malereien über den Karneval in Rio de Janeiro. Ihre Bilder fangen die Vorbereitung Auftritt in der Concentração ein.

Den Karneval in Rio de Janeiro haben Nina und Torsten Römer aus einer ganz persönlichen Perspektive und aus einem speziellen Interesse heraus begleitet. Sie flanierten Tage und Nächte in der Stadt, um so viel wie möglich mitzuerleben. Dabei entstanden tausende von Fotoaufnahmen, in denen sie ihre Erfahrung konservieren. Auch am Sambódromo verbrachten sie drei Nächte, um sich zu einem Teil des Ganzen zu machen. Aus der Bewegung der Massen haben die Künstler sensibel Einzelpositionen oder kleine Gruppierungen festgehalten, die mythische Verwandlungen einzelner Teilnehmer betonen. Diese geben Einblick in eine phantastische Welt voller Poesie, Phantasie und blendender Pracht, jenseits des alltäglichen Überlebenskampfes. Die wertvollen und liebevoll gestalteten Kostüme erinnern an das Erbe der Kolonialzeit mit ihrem barocken Prunk.

In der „Concentração“, dem Ort der Begegnung, Vorbereitung und Konzentration vor dem großen Auftritt, wurden Römer + Römer Zeugen des Übergangs von Realität zu Illusion. Die Gruppendynamik, das Engagement eines ganzen Jahres, der leidenschaftliche Einsatz der einzelnen und eine allgemeine Euphorie prägen das Bild der Sambaschulen. Dazu treten Rhythmus, Choreographie und Musik sowie die individuelle Figureninterpretation. Römer + Römer haben sich in ihrer neuen Bilderserie auf vier Sambagruppen konzentriert: Grande Rıo, Unidos do Viradouro, Mangueıra und Beija Flor. Diese Ausstellung trägt den Titel „Sambódromo“ — den Namen des offiziellen Ortes der Parade in Rio de Janeiro und Bühne des jährichen großen Spektakels; Römer + Römer aber beschäftigen sich wesentlich mit der Vorbereitungszeit in der Concentração. Grundlage dazu sind ihre Fotos, zumeist am Computer verändert: aus Abbildern müssen Bilder werden, aus Ereignissen Poesie.

„Cucumbí Indianer in der Concentração“ zeigt eine dichte Komposition von übereinander gestapelten Menschen, die als Ornamente eines Wagens der Maneueira Sambaschule dienen. Es entsteht eine Farbkomposition, in der individuelle Gesichtszüge mit der Gesamtsituation verschmelzen. Neu ist hier die Breite der Farbskala, die so in ihrem Werk noch nicht angewendet wurde. Der Farbcharakter und die Stimmung jedes einzelnen Bildes werden individuell entworfen. Natürlich korrespondieren die Farben miteinander. Aus einfarbigen Flächen entstehen variierte Farbräume ohne Übergänge, weil die Farben in tausenden von Bildpunkten konzentriert sind.

Die Malweise von Römer + Römer verdeutlicht in ihrer Detailliertheit die Szenen. Für Betrachter und Wegbegleiter der Künstler entsteht eine neue Konfrontation zwischen Motiven, Zusammenhängen und künstlerischer Wiedergabe. Hier geht es dabei um eine ebenso phantastische wie artifizielle Welt, die sich kurzfristige als Realität in Form von unbesorgter Lebendigkeit darstellt. Die Teilnehmer strahlen Grazie und Freude aus. Mit eleganten Bewegungen schaffen sie eine beinahe perfekte Welt.

 

Berliner Zeitung, Ingeborg Ruthe „Tanze Samba mit mir“, 10/09/2013

Abb.: Römer+Römer: „Das kulturelle Erbe Brasiliens. Bumba-meu-boi auf dem Wagen von Beija-Flor“, 2012, Öl auf Leinwand, 180 x 300 cm

Ingeborg Ruthe unterlässt zwar den Versuch, fast verführt durch die riesigen Bilder von Römer+Römer, einige Samba-Schritte zu erlernen. Sie erfährt aber ansonsten fast alles über diesen feurigen lateinamerikanischen Massentanz.

Dieser Kopfputz, diese farbenprächtigen Kleider. Und dann der erotische Hüftschwung, die massenhafte Nabelschau, dazwischen gestählte nackte Männeroberkörper. Es glüht förmlich, das viele Rot in den Bildern, die, das ganz nebenbei, fast galeriewandfüllend groß sind. Musik, Rhythmus, Schönheit — Masse und Macht. So erlebte das Künstlerpaar Römer+Römer in Brasilien die Samba- Festivals, Umzüge, den Karneval in Rio. Und die Treffen der Ureinwohner, der Cucumbi-Indianer.

Alles auf diesen riesigen Leinwänden, wo zunächst Fotografiertes später per Ölfarbe aufgemalt wurde, haben die beiden – Nina Römer, geboren 1978 in Moskau, und Torsten Römer, geboren 1968 in Aachen – tagelang erlebt in den südamerikanischen Städten des großen Amazonaslandes. Seit ihrer Studienzeit an der Kunstakademie Düsseldorf, in der Meisterschülerklasse bei A. R. Penck, leben und arbeiten sie zusammen, immer in Werkserien, die meist nach so ausgiebigen wie intensiven Reisen entstehen. Im Frühjahr dieses Jahres waren die beiden einen ganzen Monat lang in Rio de Janeiro, Säo Paolo und Salvador da Bahia. Sie begleiteten Karnevalsumzüge. Und die beiden lasen aus den Tänzen, was in ihren Gemälden nun den historischen Hintergrund liefert: die bunte multikulturelle brasilianische Vergangenheit und Gegenwart, die tragische, von Gewalt und Ausrottung geprägte Geschichte der indianischen Ureinwohner, ebenso die der barocken portugiesischen Kolonialzeit und die heutige, oft bitterarme soziale Situation des 192-Millionen-Landes, in dem eine glamouröse Fußball-WM und Olympische Spiele stattfinden sollen, aber die Ärmsten der Armen nicht wissen, wovon sie leben sollen.

Mit mindestens 10 000 Fotos von tanzenden Menschen in kostbaren Kostümen auf Umzugswagen kehrte das Paar zurück. Auf die Nachbearbeitung der fotografischen Vorlagen am Computer folgte die für Römer+Römer typische Übersetzung in Pixel-Malerei. Daher wirken die Bildoberflächen so irritierend unscharf, man muss viele Schritte nach hinten gehen, um dann doch mittendrin zu stehen: im Sambódromo von Rio. Das berühmte Sambódromo da Marquês de Sapucaí ist eine 1984 von Oscar Niemeyer erbaute Tribünenstraße im Stadtteil Estácio: eine 700-Meter-Arena für 89 000 Zuschauer. Hier tanzen die berühmtesten Sambaschulen im Karneval um die Wette.

Samba wird bei uns in Europa paarweise getanzt, gezügelt, domestiziert eben. Disco-Samba. Das ist die simple 2-Schritt-Version. Anspruchsvoller ist dann schon die 3-Schritt-Version, etwa beim Turnier. Noch anders, in Brasilien typisch, sind deutliche, schnelle Hüftbewegungen und das Bouncen genannte Vor-und-Zurück des Unterkörpers. Rasch entsteht diese fließende, unglaublich erotische Bewegung, über die Straße, über einen ganzen Platz.

Samba ist kein stationärer Tanz, das sehen wir auf den Römer + Römer-Bildern. Und sie zeigen — in schier bunt ineinanderlaufenden Farben — exstatische Menschenleiber, Stoffe, Schmuck. Das geht auf Rios Straßen mit der Batucada ab, bei dieser fantastischen, aber für uns europäische Steifhüften so schwer hinzukriegenden Vor-Rück-Bewegung. Nur mit ihr aber kommt man den brasilianischen Samba-Ursprüngen wirklich näher.

Und ständig ändern sich die Szenen-Ausschnitte, die Farben, die Stimmungen. Römer+Römers Malerei filtert aus der Fülle des Motivs die Essenz heraus. Aus Zigtausenden fotografischen Vorlagen entstehen, verraten die beiden, höchstens 10 bis 15 Gemälde. Die Geschichten werden komprimiert erzählt, gleichen so beinahe Filmstills, wie eingefrorene, gefühlige Momente. Man schaut darauf wie gebannt — und hat Lust, sie für sich weiterzuerzählen. Vom Lärm der feiernden Masse. Fast andächtig dagegen das riesige Bild von Indianern im Federschmuck. Kein sinnlicher Sambalärm mehr, nur noch Meditation.

KUNST MAGAZIN, Martha Papok „Dechiffrierung des menschlichen Lebens“, 13/09/2012

Peter Funken: Römer + Römer: Meer der Freundschaft. Prestel Verlag, München 2011. Dt., 144 S., 84 Abb., Softcover, 29,95 €. ISBN 978-3-7913-4508-6 Bei Amazon bestellen

Am Görlitzer Bahnhof vorbeiziehende Demonstranten mit wehenden Transparenten im Regen. Sonnenbadende Touristen am Neptunbrunnen, deren Bierflaschen im Licht funkeln. Die letzten Festivalbesucher auf einer mit M übersäten Wiese. Flüchtige Momentaufnahmen. Eindrücke, die ins Auge huschen und sich beim nächsten Zwinkern wieder auflösen.

Nina und Torsten Römer sind stille Seismographen des menschlichen Lebens. Mit dokumentarischer Genauigk hält das Künstlerpaar Situationen fest, die uns mit allen Sinnen erfüllen. Die letzten Bassklänge der entfernten Konzertbühne dröhnen noch hörbar im Herzen. Das Raunen und Klirren der feiernden Masse während der Berliner Fuckparade kommen wieder ins Gedächtnis. Aber auch stille, beinahe andächtige Sujets versetzen den Betrachter in bekannte Empfindungen. So hat man den Eindruck, dicke Schneeflocken tanzen an der Nasenspitze vorbei, während man die frierenden Gäste vor dem Hühnerhaus in der Skalitzer Straße betrachtet.
Eben das Wiedererkennbare ist Ausschlaggebende. Es handelt sich nicht um Darstellungen großer, bedeutungstragender Szenen, sondern um spontane Momente voller Lebensgefühl. Es ist das Alltägliche, das man auf den großformatigen Leinwänden erkennt. Die Werke fordern eine gewisse Distanz, um die vertrauten Bildinhalte zu rekonstruieren. Das Künstlerpaar arbeitet nach einem spezifischen Konzept, einer künstlerischen „Übersetzungsarbeit“. Ausgehend von selbstgemachten Fotografien bearbeiten und verfremden Römer + Röme die Aufnahmen am Computer. Danach werden die Bildinhalte in einer pointilistisch anmutenden Malweise auf di Leinwand übertragen. Sie transkribieren die Realität auf die Leinwand.

Die Werke des seit 1998 zusammen arbeitenden Künstlerpaares werfen keinen impressionistischen oder pointilistischen Blick auf die Welt. Vielmehr dechiffrieren sie die von ihnen aufgefundene Lebenswelt in eine „verpixelte“ Darstellungsweise, die erst „gelesen“ werden muss. Zahlreiche Reisen, vergleichbar mit Expeditione quer durch die Welt, dienen den Künstlern als Inspirationsquellen für ihre Arbeiten. Ihre Entdeckungsreisen, die sie fotografisch festhalten, führten sie u.a. nach Marokko, Korea, Italien und Frankreich. Ihr Atelier befindet sich seit 2000 in Berlin, das sich auch oft im Œuvre der Beiden wiederfindet.

Das Buch beinhaltet einen Essay von Peter Funken und eine umfangreiche Werkschau aller Schaffensphasen von Römer + Römer bis 2011. Durch vergrößerte Detailaufnahmen der Abbildungen und erläuternde Kurztexte i es dem Betrachter möglich, die Werke auch im kleinformatigen Stil ausgiebig zu dechiffrieren.

KUNST MAGAZIN, Elisabeth Schlögl „Man bekommt uns nur zu zweit“, 4/10/2012

Ganz oder gar nicht – nach diesem Motto arbeiten Nina Römer (*1978 in Moskau) und Torsten Römer (*1968 in Aachen) seit ihrer Studienzeit an der Kunstakademie Düsseldorf als Künstlerpaar Römer + Römer zusammen. In der Klasse für Malerei bei Prof. A.R. Penck kam es zur ersten künstlerischen Annäherung: Beide schauten sich wortwörtlich gegenseitig auf die Finger, wenn der eine begann die arbeitenden Hände des anderen zu fotografieren, oder immer wieder am Bild des anderen weiter gemalt wurde. Nachdem sie ein gemeinsames Atelier bezogen, entwickelten sie einen engen dialogischen Arbeitsablauf. Von der Motiv-Findung bis zum Malprozess, alles wird gemeinsam entschieden und umgesetzt. Römer + Römer arbeiten in Werkserien, die oft in Folge ausgiebiger Reisen und intensiver Beschäftigung mit einer bestimmten Thematik im Vorfeld entstehen. Im Frühjahr diesen Jahres hielt sich das Künstlerpaar für einen Monat in Rio de Janeiro, Sao Paolo und Salvador da Bahia auf, um Karnevalumzüge zu begleiten, welche die vielfältige und multikulturelle brasilianische Vergangenheit und Gegenwart thematisieren – angefangen bei der Geschichte der indianischen Ureinwohner, der barocken portugiesischen Kolonialisierung bis hin zu aktuellen sozialen Problematiken.

Mit rund 10.000 Fotografien von tanzenden Menschen in kostbaren Kostümen auf Umzugswägen, kehrten sie zurück. Auf die Nachbearbeitung der fotografischen Vorlagen am PC folgt die für Römer + Römer charakteristische Übersetzung in Pixel-Malerei. Dabei verändern sich Ausschnitt, Farbe und Stimmung. Die Malerei filtert aus der Fülle des Motivs die Essenz heraus, und gibt persönliche Eindrücke und Erlebnisse der Reise wieder. Die Serie soll im Mai 2014 in einer Einzelausstellung im Museum MuBE in Sao Paulo ausgestellt werden. Aus zigtausenden fotografischen Vorlagen entstehen in etwa 10 bis 15 Gemälde, die in ihrer Kompaktheit dennoch unzählige Geschichten assoziieren. So auch in ihrer 2011 entstandenen Serie „Pride in Brighton“, die in Berlin 2011 in der Galerie Michael Schultz gezeigt wurde und im Oktober in der Galerie Peithner-Lichtenfels in Wien ausgestellt wird. Die Malereien haben den Charakter von Filmstills. Es sind eingefrorene, oft sensible Momente, deren Ausgangspunkt und Verlauf durch die Betitelung richtungweisend werden. Der Betrachter wird aufgefordert, die Situationen weiterzudenken. Dadurch werden Stimmungen und Geschichten für den Rezipienten erlebbar.

Neben der Malerei können Römer + Römer auch auf mehrere Aktionen und Performances zurückblicken. Eine ihrer bekanntesten Performances ist die „deutsch-russische Knutschperformance“, die während der fünften M.A.I.S Ausstellung Premiere hatte. Das Projekt M.A.I.S. (Multidisziplität als Ideenproduzierendes System) wurde im Jahr 1998 von Römer + Römer gegründet. Zusammen mit anderen internationalen Künstlerinnen und Künstlern aus verschiedenen künstlerischen Bereichen entwickelten sie insgesamt sechs große Gruppenausstellungen.

Austrian Art Lounge „Römer+Römer“, 4/2012

Abb.: Römer+Römer: „Mike und Gerard als Indianer“, 2011, Öl auf Leinwand, 115 x 150 cm

Das Berliner Künstlerduo Römer+Römer beschäftigt sich vor allem mit der Darstellung junger Menschen in Bereichen, wo die Zwänge der Gesellschaft scheinbar aufgehoben sind. Sie fotografieren auf Festen, öffentlichen Veranstaltungen, Demonstrationen, auf der Straße, am Meer.

Nina und Torsten Römer sind Entdeckungsreisende, moderne Chronisten. Es sind keine große Momente, die sie interessieren, sondern Momentaufnahmen im Gespräch, beim gemütlichen Beisammensein, Küssen oder Träumen. In einem zweiten Schritt wählen Römer + Römer aus ihrem Archiv Fotografien aus, die sie in Malerei umsetzen wollen. Nina und Torsten Römer bearbeiten und verfremden ihre Fotos am Computer, um sie anschließend auf die Leinwand zu übertragen. Nebeneinandergesetzte leuchtende Farbflecken ergeben das endgültige Bild, das aus der Nähe gesehen abstrakt wirkt und erst aus einer gewissen Entfernung das Gesamte erkennen lässt. Es ist kein impressionistischer, pointillistischer Blick auf die Welt, sondern die malerische Abbildung einer fotografischen, gepixelten Abbildung von ihr. Sorgsam ausgewählte Schnappschüsse, spontan, ungekünstelt und ehrlich. Auf ihren zahlreichen Reisen, die sie u.a. nach China, Japan, Großbritannien und Korea geführt haben, fotografieren sie Ungewohntes, Andersartiges, aber auch Triviales. Ihre Momentaufnahmen sind überraschend und persönlich. Die badenden koreanischen Jugendlichen sind zur Überraschung des Betrachters nicht in Badesachen, sondern fast ausnahmslos völlig bekleidet. Aus Japan bringen die Künster Aufnahmen von Fashion Vietims in den-Straßen Tokios und Osakas mit. Im Gegensatz zu den bevölkerten’Straßen stehen die Filmstills des heiligen Berges Fuji. Die „50 Ansichtendes Berges Fuji _ vom: Zug aus betrachtet“ können als moderne Interpretation von Katsushika Hokusais berühmtem Bilderzyklus ,»100 Ansichten des Berges Fuji» verstanden werden, von dem letztendlich 46 Ansichten erschienen sind.

Auf der Brighton Pride in Großbritannien, einem Kostümfestival für Schwule, Bi- und Transsexuelle, fangen Römer + Römer in starken Farben die Lebensfreude der Teilnehmer ein. Lachende Indianer, knutschende Frauen, fliegende Menschen im Kettenkarussell, deren Konturen sich ins Schemenhafte verflüchtigen. Als Metapher für das Tempo der sich verändernden Zeit in einer globalisierten Welt, in der ein Individuum wenig Raum hat.

kunst:art, Milan Chlumsky „Digitaler Pointillismus und die Freiheit“, 1-2/2011

Abb.: Römer+Römer: „Schulmädchen im Meer des Friedens“, 2009, Öl auf Leinwand, 130 x 250 cm

Römer+Römer in der Kunsthalle Rostock

Die Welt ist zunehmend medial geworden: Wahrgenommen wird, was in den Medien vorkommt. Fragt man sich, wie sich ihre wichtigsten Grundsätze, wie sie etwa in der Verfassung verankert sind, tatsächlich in der Gesellschaft äußern, gibt es keine eindeutigen Antworten mehr, sie werden in der Regel erst bei gänzlichem Fehlen als Verstoß empfunden. Die einfachste Formel der medialen Weltwahrnehmung ist daher in jeglicher Übertretung der gesellschaftlichen Norm begründet, sonst bleibt das Ereignis banal.

Dies sagt aber wenig darüber, wie sich beispielsweise Kategorien wie Freiheit artikulieren und vor allem, wie sie die junge Generation, die mit Computertechnologie aufgewachsen ist, empfindet. Exemplarisch ist daher der Parcours des deutsch-russischen Künstlerpaars Römer + Römer (sie wurde 1978 in Moskau, er 1968 in Aachen geboren), das seit 1998 an allen Kunstwerken gemeinsam arbeitet.

Ausgangspunkt ihrer Arbeiten sind Fotografien, die Szenen des alltäglichen Lebens in Berlin dokumentieren. In einem zweiten Vorgang wird das Bild eingescannt, danach entweder die ganze Szene oder nur ein Ausschnitt für die weitere Verarbeitung gewählt. Die Vergrößerung auf dem Monitor bestimmt auch die Pixelstruktur des zukünftigen Bildes, denn das Paar überträgt dann in einer sehr zeitaufwendigen Arbeit einzelne „Pixel“ als Bildtupfer auf die großformatige Leinwand.
Das ganze Prozedere erinnert an Georges Seurat und Paul Signac, die sich ab 1883 mit psychophysiologischen Fragen des Sehens und der Wahrnehmung auseinandergesetzt haben.

Das tun Römer + Römer nicht: Dennoch gehorcht auch ihre Wahl der fotografischen Vorlagen aus ihrem Archiv unbewusst ähnlichen Prinzipien wie bei den Pointillisten — sie müssen jene Pixelstrukturen übertragen, die intensiv und dynamisch genug sind, um in ihrer Wirkung nicht flach oder stumpf zu erscheinen. Sie sind daher intuitiv dem pointillistischen Bild nah, überprüfen aber ihre Wirkung zunächst am Computer, bevor sie mit der Übertragung mit kleinem Pinsel und Ölfarbe auf Leinwand beginnen.

Das Vorgehen von Römer + Römer unterscheidet sich also wesentlich von dem sogenannten Fotorealismus, der sich Ende der 1960er-Jahre aus der Op-Art entwickelte. Dessen Protagonisten (vor allem in den USA, aber auch Gerhard Richter und Fritz Köthe hierzulande) wollten möglichst getreu das fotografische Bild auf die Leinwand übertragen, Überlegungen über die Wirkung solcher detailnaturalistischen Arbeiten waren ihnen fremd. Ihre technische Virtuosität bedeutete zugleich jedoch das Ende dieser Kunstströmung.

Römer + Römer haben sich bewusst für die Wiedergabe des Gefühls einer jungen Generation entschieden, die Wahl der Bilder aus ihrem Archiv entspricht ihrem „sozialen Empfinden“ in der Alltäglichkeit der Hauptstadt. Nach den Bilderzyklen Café Bistro Hauptstadt, Barfuß kommt ihr hier nicht rein und Sense of life, sind es zunehmend Erfahrungen ihrer Reisen unter anderem durch Korea, China, Russland und Marokko, die jedoch immer den sozialen Kontext im Hintergrund berücksichtigen.

Mit etwa 30 großformatigen Arbeiten aus den letzten zwei Jahren dokumentiert das Paar seinen Weg des zunehmenden politischen Engagements und vor allem das Ringen um jene Freiheitskategorien, die ihnen — medial kaum oder nur flüchtig berücksichtigt – am wichtigsten geworden sind.

한국어 / Public Art „Painting in the age og global reality“, 8/2009
Neueste Nachrichten, Anna Ulrich „Pixelige Gegenwartssituationen“, 12/12/2010

Abb.: Römer+Römer: „Przystanek Woodstock Festival in Kostrzyn“, 2008, Öl auf Leinwand, 200 x 265 cm

Eröffnung der Ausstellung des Ehepaares Römer über die soziale Wirklichkeit und die Reflexion der Zeit

Reuterhagen  Heute wird in der Kunsthalle die Ausstellung „O tu mir das nicht an“ des Berliner Künstlerpaares Römer + Römer eröffnet. Es werden 27 Bilder ausgestellt, die ungezwungene digitale Schnappschüsse zeigen, wobei die Pixel malerisch nachempfunden wurden. Somit bestehen die Malereien bei genauerem Hinsehen aus tausenden einzeln gemalten Punkten, die sich zusammen betrachtet zu einem Ganzen vereinen. „In Zeiten der digitalen Wirklichkeit möchten wir auf diese Weise die Gegenwart reflektieren“, sagt das Künstlerpaar. Die Ausstellung zeigt die Projekte der vergangenen zwei Jahre und spiegelt Situationen aus Korea, China, Russland und verschiedenen europäischen Städten wieder.

Vom Leben in der Metropole beeinflusst

Beide Künstler waren Meisterschüler bei A. R. Penck, dessen Werke vor wenigen Monaten in der Kunsthalle zu sehen waren. Sie leben und arbeiten seit 1998 gemeinsam in Berlin. Dabei werden die Römers von den erstaunlichen Situationen der Stadt beeinflusst, wobei die Jugendkultur eine zentrale Rolle spielt: Viele Malereien zeigen junge Menschen und Situationen, die von einer bestimmten Lebensweise erschaffen wurden. Mit den Bildern wird aber auch ein
gesellschaftliches Engagement und ein politisches Interesse der Künstler deutlich, beispielsweise mit der Thematisierung eines Protestes junger Berliner gegen die Zerstörung der Stadtstruktur im Bild „Mediaspree versenken“.

Die Bilder fangen einen Moment ein, der näher betrachtet sehr viele Details beinhaltet, wie beispielsweise eingebaute Textpassagen auf Schildern oder Werbetafeln. Das Künstlerpaar läuft oft mit einer Kamera durch die Straßen, um interessante Situationen einzufangen.

Daraufhin treffen sie eine Auswahl von Bildern, die in ein Gemälde umgewandelt werden sollen. „Besonders Feste und große Events bieten Szenarien für unsere Bilder“, so Torsten Römer. Aus den Bildern am Rande eines Festes ergibt sich ein Konzept, das in der Malerei realisiert wird. So auch das Bild „Haltestelle Woodstock“, welches in Polen auf dem größten „Umsonst und Draußen Festival“ Europas entstanden ist. Um solche Situationen einfangen zu können, bereisen die Römers verschiedene Länder und Städte.

Aufenthalt in Japan sorgt für Inspiration

„Unsere Gemälde spiegeln die soziale Wirklichkeit und verschiedene Lebensweisen und -philosophien wider, die die gesellschaftliche Wirklichkeit reflektieren“, meint Nina Römer. Das Paar lebt und arbeitet zusammen. Sie verstehen es, die Mehrschichtigkeit der Situationen und Menschen einzufangen und die gemeinsamen Vorstellungen zu realisieren. Ihre Malereien von jugendlichen Lebensweisen und Wirklichkeiten stellten sie unteranderem in Wien, Groszny, Florida und Seoul aus. Nach einem Aufenthalt in Japan wird nun an neuen Bildern gearbeitet.

Die Welt, Frank Wegner „Poetische Chronisten“, 27/02/2010

Nina und Torsten Römer verdanken ihr gemeinsames Leben einem toten Huhn

Frank Wegner – Artikel und Foto

Es klingt wie ein Märchen. Aber die Geschichte ist wahr. Torsten Römer studierte an der Düsseldorfer Kunstakademie. Eines Tages setzte sich ein schönes Mädchen für einen Augenblick an seinen Tisch. Torsten: „Kurze Zeit später war der jährliche Rundgang. Ich malte damals abstrakt. Plötzlich stand dieses Mädchen vor mir und wollte, dass ich meine Bilder erkläre. Ich war überrascht und erinnerte mich an eine Aktion von Joseph Beuys, der einmal einem toten Hasen ein Bild erklärte. Ich sagte zu der Schönen, sie solle einen toten Hasen bringen.“ Nina: Zwei Stunden später stand ich mit einem toten Huhn in der Hand vor Torsten. Er lachte und das Schicksal nahm seinen Lauf. “Torsten darauf: „Dieser Humor war einfach umwertend. Ich glaube es war Liebe auf den ersten Blick.“
Diese nicht so ganz alltägliche Geschichte ereignete sich im Jahre 1998. Kurze Zeit später waren die beiden ein Paar. Und das nicht nur in puncto Liebe. Nein, auch in ihrem künstlerischen Schaffen arbeiteten sie von da an eng zusammen. Torsten Römer, 1968 in Aachen geboren, wollte Künstler werden, als er mit einem Freund bei einer Spanienreise im Dali-Museum ın Figueras stand. „Dieses Refugium fand ich genial”, sagt er heute mit Bewunderung. Nina Tangıan, 1978 in Moskau geboren, kam mit ihrer Familie 1990 nach Deutschland. Die Großmutter war Opernsängerin, der Großvater Schriftsteller, ihr Urgroßvater war Maler und teilte mit Marc Chagall in Paris ein Atelier. Was lag für Nina näher, als diesen künstlerischen Wurzeln zu folgen? Nach einem Semester als Gasthörerin studierte auch sie dann in Düsseldorf – wie Torsten bei A. R Penck. „Viele rieten uns vom Zusammenarbeiten ab. Es schade der Kreativität”, sagt Torsten. „Bei uns hielten sich Annäherung und Zweifel die Waage. Es war ein Prozess des Wachsens“, fügt Nina hinzu. Und der, so sieht es bis beute aus, entwickelte sich prächtig. Die beiden bezogen ein Atelier inKöln.

Künstlerpaar – Nina und Torsten Römer: „Digitale Fotografie ist pixelig. Das wollen wir auf unsere Bilder übertragen.“ 

Im Jahr 2000 zogen beide nach Berlin. Noch während des Studiums realisierten sie Jie ersten Kunstaktionen. So liefen sie in islamischen Burkas verkleidet durch Miami, Wladiwostock und Turin. Sie filmten und fotografierten alles. Im Projekt „Infinite Justice“ druckten sie großformatige Bilder aus islamischen Schriftzeichen kombiniert mit Nato- und Bundeswehrsymbolen. Die Performance „Anbetung des Geldes” folgte im Russischen Haus in Berlin. „Die verschiedenen künstlerischen Bereiche durchdrangen sich bei uns von Anfang an“, sagt Nina. Malerei, Fotografie, Performance.
Nach der Meisterschülerzeit bei Penck -„er fragte immer als er uns sah, ob wir noch zusammen arbeiten“(Torsten lachend) – machten beide 2003 ihr Diplom. Im selben Jahr folgte dann im Bunker unter dem Berliner Alexanderplatz die „Deutsch-Russische-Knutschaktion“. „Auf der Suche nach deutsch-russischen Paaren kamen wir auf diese lustige Idee“, meint Nina. Sich selbst fotografierten die beiden knutschend und liegend vor dem sowjetischen Ehrenmal in Berlin Treptow. Es folgte ihr Mammutprojekt im Bunker unter dem Berliner Alexanderplatz. 200 Künstler aus aller Welt stellten für sechs Wochen ihre Arbeiten aus. „Wir merkten, dass der organisatorische Aufwand unsere ganze Kraft verbrauchte. Von da an konzentrierten wir uns auf die Malerei”, sagt Torsten.
Der Galerist Michael Schultz hatte das Knutschfoto der beiden gesehen. Er fand das Pärchen interessant und nahm sie in sein Galerieprogramm. „Durch unsere öffentlichen Aktionen hatte sich unser Blick für das Öffentliche geschärft. Wir fotografierten schon immer viel und überall wo wir waren“, sagt Nina. Diese Fotos bilden heute die Grundlage für ihre gemalten Bilder. „Sie sind immer dokumentarisch und haben durch die künstlerische Verfremdung einen surrealen Aspekt“, fügt Torsten hinzu. Thema ist das Leben überhaupt. Demonstrationen ebenso wie Partys, Stadtlandschaften ebenso wie Kneipenbilder, Lebensmittelpunkt Berlin ebenso wie Orte in Russland, China oder sonst wo in der Welt. Authentizität ist dabei oberstes Gebet. „Das was man auf unseren Bildern sieht, haben wir auch selbst erlebt, wir sind so etwas wie poetische Chronisten“, betont Nina. Doch dabei ist es keineswegs nur Abbild des Alltäglichen. Die Ausschnitte und Momente, die das Künstlerpaar für darstellenswert erachtet, zielen auf das Besondere und das Allgemeine zugleich. Das Geschehen, die Menschengruppen fließen farblich auch durch die Pixelstruktur ineinander. Am Computer wird die Farbigkeit der Fotos reduziert, Farbgehalt und Farbtöne festgelegt. Die Übertragung auf die Leinwand wirkt getupft. Je näher man an das Bild herantritt, desto pixeliger und abstrakter wird es.
„Wichtig ist uns das Gleichgewicht zwischen den großen Flächen und den Details“, sagt Torsten. „Gerhard Richter thematisierte vor Jahren die Glätte der Fotografie. Die digitale Fotografie ist aber pixelig. Und das wollen wir auf unsere Bilder übertragen.“. Die neueste Serie zeigt badende Kinder in Schuluniformen. Nina erzählt: „2007 waren wir in Korea. In der Stadt Pusan, die direkt am Meer liegt, gab es einen riesigen Stadtstrand. Da sahen wir diese in Sachen badenden Schüler.“ Es sollen etwa fünfzehn großformatige Bilder werden. Nina und Torsten Römer bilden seit zehn Jahren eine erfolgreiche Lebens- und Künstlergemeinschaft – dem toten Huhn sei Dank.

Ostsee Zeitung, Dietrich Pätzold „Jugendkultur im Großformat“, 12/12/2010

Die Ausstellung „Römer + Römer: O tu mir das nicht an!“ wird heute in der Kunsthalle eröffnet. Auf 27 Gemälden ist das deutsch-russische Künstlerpaar dem Lebensgefühl der Jugend auf der Spur.

Reutershagen – Wenn ein Künstlerpaar für seine Ausstellung den Titel „O tu mir das nicht an!” wählt, könnte man Koketterie mit privater Befindlichkeit vermuten. Das Gegenteil ist aber der Fall, wie die neue Schau in der Kunsthalle am Schwanenteich beweist: Der Spruch stammt von einer Demonstration der Berliner Initiative. „Mediaspree versenken!”, hieß es dort auf einem Schild „O, mir das nicht an!“ und gelangte so auf ein Gemälde von Römer + Römer. Dieses Gemälde ist zwar nicht in Rostock zu sehen, weil es in Korea hängt. Aber es ziert die Einladung zur Ausstellungseröffnung heute Abend um 18 Uhr in der Kunsthalle.

Römer + Römer, das sind die Wahlberliner Nina und Torsten Römer. Torsten wurde 1968 in Aachen geboren, Nina 1978 in Moskau. Beide waren in Düsseldorf Meisterschüler bei A.R.Penck, dem die Rostocker Kunsthalle diesen Sommer eine umfangreiche Präsentation gewidmet hatte. Demonstranten kommen häufig vor auf den 27 Bildern der neuen Rostocker Schau. Es scheint geradezu, als würden hier moderne Protest- und Jugendkulturen Einzug in die Malerei und die Welt der Kunstgalerien finden. Gemälde zeigen Demonstranten vor und nach dem Protest, im Bild „Spaßfraktion” kommt ein Strom Jugendlicher direkt auf den Betrachter zu, auf einem anderen ruhen sie im Park oder vor dem Neptunbrunnen am Berliner Alexanderplatz. Bemerkenswert ist die eigenartige Wirkung dieser Gemälde, die etwas Fotografisches haben und von Jugendkultur gemalt: Nina (32) und Torsten Römer (42) vor einem ihrer Gemälde in der Kunsthalle Rostock.

Weitem tatsächlich wie farblich überhöhte oder verdichtete Schnappschüsse wirken. „Wir haben nichts ‚aufgeräumt’”, sagt Nina Römer anlässlich von Stadtaufnahmen in Sizilien, deren viele zufällige Details Atmosphärisches fühlbar machen.

Tatsächlich sind Fotos der erste Arbeitsschritt des Künstlerpaares. Es folgt ein zuweilen langwieriger Prozess der Auswahl von geeigneten Bildern und Bildausschnitten, dann deren Bearbeitung am Computer. Schließlich eine Phase des Malens, in der beide Künstler gleichberechtigt und auch gleichzeitig am selben großformatigen Bild arbeiten, mal Formen eher impressionistisch aus Pünktchen rekonstruierend, mal mehr aus Farbflächen. So verschmelzen bei Römer + Römer Modern-Technisches und Traditionell-Handwerkliches, auch der Ansatz der Reportage mit künstlerischer Überhöhung und ebenso die Arbeiten zweier Arbeitspartner zum überindividuellen Werk: In alledem deuten sich Alternativen zu einem überlieferten Kunst-Individualismus an. Bemerkenswert sind auch ihre Korea-Bilder, auf denen Menschen in Schuluniform im Meer stehen oder die Cosplay-Gemälde, die einen japanischen Kulturtrend in China entdecken.

 

ARTINVESTOR, Eugenia Hu „Auf den Punkt gebracht“, 2/2010

Abb.: Römer+Römer: „Casablanca Cocacola“, 2009, Öl auf Leinwand, 165 x 220 cm

Junge Malerei auf Erfolgskurs: RÖMER + RÖMER ist ein aufstrebendes Künstlerpaar, das Punkt für Punkt seine Leinwände bemalt und dabei Schritt für Schritt die Geschichte des Bildes bis in die Gegenwart abtastet. Das Ergebnis sind Malereien, mit verpixelten Fotos zum verwechseln ähnlich. Und doch haben diese Bildwerke ästhetisch und intellektuell noch mehr zu bieten. Hier treffen sich Menschen im Park, dort steigt eine Party oder rauscht ein Umzug in den Straßen – bunte Bilder, mitten aus dem Leben, so sieht dieKunst von Römer + Römer aus. Malerisch ist sie jenseits des Fotografischen angesiedelt, auch wenn man erkennt (und das auch soll), dass Fotos der Ausgangspunkt sind – eben so, wie es bei den Alten Meistern die Handskizze war.

Hinter dem Namen Römer + Römer steht das deutsch-russische Künstlerpaar Nina und Torsten Römer. Seit 1998 arbeiten sie zusammen. Ihr von steigendem Erfolg gekröntes Werk ist vielschichtig und vielseitig. Und sehr nah am Zeitgeschehen. In ihrer Erscheinungsweise nehmen die Bilder nämlich auf pixelige Bildwerke aus dem Computer Bezug. Ob Landschafts- oder Genre-Szenen von Menschen in Alltagssituationen, Römer + Römer binden den Betrachter ein, indem sie auf seine Erfahrungshintergründe als Computeranwender und Konsument digitaler Bilder anknüpfen. Sie nutzen die heute durchaus vertraute Pixelstruktur der bildlichen Kommunikation und verweisen darauf in ihrer malerischen Anwendung. Ihre Ölgemälde lassen statt Pinselstrichen Pixel erkennen. Für das Künstlerpaar eine Aufgabe, die ihnen ein ästhetisches Rekonstruktionstalent abverlangt.

Pixel aus dem Pinsel

Die Pointillisten – allen voran Seurat – waren als Sonderbewegung des Impressionismus die ersten, die die sichtbare Welt malerisch in Bildpunkte zerlegten. Auch wenn ihnen die Routiniers der druckgrafischen Techniken schon vorausgeeilt waren. Diese kannten solche Methoden nämlich viel früher. Die sogenannte Punktiermanier, besonders beliebt im späten 18. und frühen 19. Jahrhundert, hatte den Bildaufbau aus Punktmustern schon vorweggenommen.
Die Pointillisten waren allerdings mehr an physikalischen Experimenten der Zerlegung von Licht und Farbe interessiert. Bei Seurat entsteht das Bild aus den „Punkten“ der Grundfarben und ihrer Zwischentöne, die durch Weiß getrennt und mit Weiß — aber nie miteinander – vermischt werden. Seurat bezog sich so auf die physikalisch-wissenschaftliche Ergründung der Farbe, die sich zu seiner Zeit Gehör verschaffte.
Wenn Römer + Römer also „handgemalte”,analoge Bilder mit einer quasi-digitalen Bildpunktstruktur fertigen, rekonstruieren sie ästhetisch die gesamte Geschichte des Bildpunkts – und machen sich diese für ihre Zwecke zunutze.
Und dennoch: Die Referenzen an bestimmte Bilder von zum Beispiel Seurat hat das Künstlerpaar nicht unbedingt nötig. Bild und Bildfaktur stehen für sich und reichen über Pointillismus und Pixel hinaus. Der Grund: Die einzelnen „Römer-Punkte“ sind selbst zwar malerische Objekte, besitzen aber keinen betonten „Minibild”-Charakter, der dem Gesamtbild Konkurrenz macht. Die Bildpunkte agieren im Zusammenhang, sie reagieren auf ihr Nebeneinander und machen so das Funktionieren von Bildstrukturen überhaupt deutlich. Damit kreieren Römer + Römer Gemälde jenseits der klassischen Bildkomposition. Es sind Bilder, die in einem als solchen betonten Prozess zusammenfließen. So gelingt es dem einfallsreichen Malerpaar verschiedene Traditionslinien aus der internationalen Kunst seit 1945 ineinanderzuflechten und diese zu einer neuen Art Malkunst zu vereinen. Einer Malerei, die entwicklungssicher ist, einer Malerei, die Potenzial hat, einer Malerei für die Zukunft.

Die Welt, Eugenia Hu „Künstlerduo Römer+Römer in Peking und Heidelberg“, 23/05/2009

Abb.: Römer+Römer: „Fuckparade“, 2008, Öl auf Leinwand, 165 x 220 cm

Auf der Suche nach den globalen Widersprüchen und Zusammenhängen ziehen sie um die Welt, um alles ihnen im Zeitfenster von Einhundertstel-Sekunden liefern. Torsten und Nina Römer verstehen sich jedoch eher nicht als Chronisten des Weltuntergangs, sie finden die Motive ihrer Malerei bei der Nachfrage nach ihrer Position im weltumspannenden beiden Penck-Schülern zurzeit jeweils umfassende Einzelausstellungen.

Ihre Motivauswahl erscheint festgelegt und findet sich eher am Rande unserer Gesellschaft als in dessen Zentrum. Doch sie finden sie ohne sie zu suchen; dort wo die weniger angenehmen Fragen an unsere Wertesysteme gestellt werden, fragen sie mit. Bei den Protesten um das umstrittene Mediaspree-Projekt in Berlin, bei den Studenten-partys in Seoul, oder inmitten der Spaßfraktion bei ihrem Sommerumzug unter der Berliner S-Bahn. Mittendrin am Rande de Gesellschaft: Da fühlen sie sich wohl. Und mit ihren Kameras halten sie fest, was Außenstehende normalerweise, weil flüchtigen Blicks, nicht wahrnehmen. So wird die Situation im Moment und im Detail festgehalten, mit Stimmung und im Original-Tempo.

Am Computer werden die Fotos in einem komplizierten Verfahren in viele Schichten zerlegt, und dann auf der Leinwand Pixel für Pixel wieder zusammengeführt. So entstehen Bilder, die ohne eine gewisse Distanz nur verschwommen wahrnehmbar sind. Ganz so wie in unserem wirklichen Leben, und das könnte die Botschaft dieses einzigartigen Künstlerpaares sein.

español / Art.es, spanish art magazine, N° 30-31, 2009

Römer+Römer, Alles für Alle. Make Capitalism History (2008). Óleo sobre tela, 1,50×2,50 m

A través del presente reflejamos el ambiente en el que vivimos y en el que queremos participar. En nuestras pinturas tratamos de presentar una serie de momentos de inspiración para que el espectador pueda establecer cadenas asociativas. Para nosotros, tanto las situaciones positivas de la vida social como las que son problemáticas resultan muy iluminadoras. Como pareja de artistas que trabajan en común, intentamos actuar como un medio para transformar la fugacidad de la realidad, a través de la fotografía, en la eternidad de la pintura.

Alles für Alle. Make Capitalism History (Alles für Alle. Acabemos con el Capitalismo) muestra  aun tipo de autonomistas, los llamados «Black Bloc» durante la manifestación «En marcha contra la Unión Europea. Todos contra la cumbre del G8, en marzo del 2007 en Berlin. La manifestación tuvo lugar poco antes de la cumbre del G8, reunida con ocasión del 50° aniversario del Tratado de Roma. El gobierno alemán había invitado a los jefes de estado a una celebración informal de la Unión Europea.

Esta manifestación exigía la plena aplicación de los derechos humanos para todas las personas, tanto en Europa como en el restó del mundo. Los manifestantes culparon a la Unión Europea de aumentar la inestabilidad económica, elevar las cifras de desempleo, incrementar el gasto militar, discriminar a los emigrantes, y también criticó al G8 por permitir la liberalización de los excedentes del comercio en vez de estabilizar el sistema financiero global, desarrollar leyes de protección sobre el clima o trabajar activamente para reducir la pobreza.

한국어 / Art in culture, korean art magazine, 8/2009
Kunstforum International, Peter Funken, „Römer + Römer „Barfuß kommt ihr hier nicht rein“, Bd. 192 Schönheit II / 2008

Abb.: Römer + Römer „Keine Räumung – Schwarzer Kanal“, Öl auf Leinwand, 115 x 150 cm

Abb.: Römer + Römer „Gegen Markt“, 2008, Öl auf Leinwand, 115 x 150 cm

Römer + Römer „Barfuß kommt ihr hier nicht rein“

Römer + Römer – das ist ein Künstlerpaar in Berlin. Darüber hinaus steht Römer + Römer für ein Malkonzept, eine Facon Dinge und Wirklichkeit zu sehen und malerisch zu formulieren. Malerei, wie sie Nina und Torsten Römer betreiben, ist Reflektion und Kolportage über die Gegenwart der Gesellschaft und der Stadt, in der sie leben. In ihrer Kunst zeigen sie soziale Wirklichkeit und einen bestimmten way of life, den sie in Berlin wahrnehmen. In der Galerie Michael Schultz stellte das Paar elf neue Bilder aus, die vornehmlich Momente von Demonstrationen und politischen Kundgebungen abbilden. Mit solchen Arbeiten, die in diesem und im letzten Jahren entstanden, setzen Römer + Römer das fort, was ihr Werk bereits bisher auszeichnete: Malerei zu den Bedingungen der technischen Medien und eine Kunst, die subjektiv gesellschaftliche Wirklichkeit spiegelt und dokumentiert. Der Vorgang ihrer Bildherstellung lässt sich als Verbindung von technischem Prozess mit handwerklich tradierter Malmethode beschreiben: Zuerst fotografiert das Künstlerpaar Situationen und Szenen, die es in der Öffentlichkeit beobachtet. Danach wählen die Römers jene Digitalfotos aus, die sie in Malerei umsetzen wollen. Der Computer ist dabei ein wichtiges Werkzeug; in ihm speichern sie nicht nur die Fotos, mit ihm legen sie Bildausschnitte fest und bestimmen Farbwerte, die sie beim Malen auf die Leinwand übertragen. Man kann solche Malerei im Sinne einer Reportagetätigkeit begreifen, als quasi realistische Darstellung von Realität, die in sich widersprüchlich, voller Brüche, manchmal sogar chaotisch ist. Die Kunst der Römers lässt sich als Beitrag zur Bildkultur im beginnenden 21. Jahrhundert verorten, als Ausdruck einer hybriden Artistik, bei der die technischen Möglichkeiten fast alle Voraussetzungen schaffen, um neue malerische Abbilder der Wirklichkeit zu inszenieren. Römer + Römer wollen keineswegs eindeutige Wahrheiten über politische Zustände in den Raum stellen – dies würde bedeuten, sich mit den Parolen und Slogans auf den Transparenten zu identifizieren. Vielmehr wird gerade durch den malerisch inszenierten Kamerablick eine Distanz zur Lautheit der Parolen gesucht. Diese Distanz verwirklichen die Römers vermittels eines analytischen, addierenden Farbauftrags, bei dem diverse Farbwerte nebeneinander stehen, so dass sich die Gesamtsicht eines Bildes erst aus der Entfernung einstellt. Mit der Darstellung von Demonstrationen im großen Format wird von Römer + Römer die Idee des Historienbildes neu aufgenommen. Dieses Genre hatte vor allem in der vor-fotografischen Epoche einen herausragenden Platz. In den letzten Jahren erlebte das gemalte Historienbild eine Art von Renaissance, natürlich unter anderen Vorzeichen, als vor der Erfindung der Fotografie. So wie das Politische im medialen Zeitalter wie eine Simulation seiner selbst erscheint, so wirkt auch die Malerei der Römers wie eine simulierende Kunst, bei dem das Bild auf der Basis technischer Könnerschaft zum Ausdrucksträger von Emotionalität wird. Vielleicht ist es dies, was ihre Malerei derzeit so begehrt macht. Man kann vermuten, dass die Römers politische Manifestation auch deshalb malerisch aufgreifen, weil solche Situationen Möglichkeiten bieten, Menschenansammlungen differenziert darzustellen. Es geht dem Künstlerpaar, so scheint es, letztlich vor allem um die Inszenierung thematischer und kompositorische Spannung. Das gemalte Bild besitzt gegenüber der Fotografie besondere sinnliche Eigenschaften, die insgesamt in Richtung einer Emotionalisierung und eines daraus resultierenden Bedeutungszuwachses weisen. Solche Emotionalisierung ereignet sich bei der Malerei des Duos aufgrund der Thematik, der Formate und der Oberflächengestaltung durch Farben und deren Gefühlsqualitäten. Bei Römer + Römer geschieht die Emotionalisierung jedoch sozusagen gebremst, trifft sie doch auf ihr Gegenstück – auf die analytische Rationalität beim Farbauftrag. Ein präzis-scharfes Bild, der Fotovorlage vergleichbar, wird man nur aus einer Wahrnehmungsdistanz erkennen. Kommt man dem Bild zu nahe, so zerfällt die betrachtete Stelle in ein multiples Gewirr von Pixeln und Tupfen. Mit solcher Form der Malerei reagieren Römer + Römer augenscheinlich auf das, was die Physiologie des Sehens ausmacht – also eine Tätigkeit, die physiologisch immer nur im punktuellen Scharfsehen stattfindet. Malerei wird somit zum Gegenstand, wie zum Ort der Analyse visuellen Wahrnehmens. Das Emotionale erfährt eine immanente Kontrolle durch die Malmethode. Im Bild entsteht ein Widerspruch zwischen der durch Thema, Farbe und Format erzeugten Emotionalität und der Rationalität im Farbauftrag. Dieser Gegensatz wird wie eine zu beantwortende Frage von den Künstlern an die Betrachter weitergeleitet und konstituiert Struktur und Substanz einer Kunst, die sozio-medialen Charakter besitzt und dabei zugleich mit Emotion und Sinnlichkeit argumentiert.

 

한국어 / Public Art, 7/2007
한국어 / Friday, „Sense of life“, 7/2007
한국어 / Marie Claire, „Sense of Life“ 8/2007
Berliner Zeitung, Ingeborg Ruthe „Berliner Situationen“, 9/02/2006

Abb.: Römer+Römer „Enthüllung der Non-Violence-Skulptur im Garten des Bundeskanzleramtes“, 200 x 260 cm, Öl und Acryl auf Leinwand, 2005

Blick aufs Haus der Kulturen der Welt: Enthüllung der Non-Violence-Skulptur im Garten des Bundeskanzleramtes

Kein Zweifel, es muss sich bei diesem Motiv von fein angezogenen Leuten vor dem Haus der Kulturen der Welt um ein Foto handeln. Um eine Dokumentation gewissermaßsen. Und doch ist es Malerei – eindeutig Öl auf Leinwand, damit nicht mehr Dokument, sondern die zweidimensionale Farbe-auf-Leinwand-Ilusion eines Sommerfestes im Kanzlergarten. Aber die Farben verfließen und flecken wie bei einem Computerbild, die pixelig-raue Ansicht der Oberfläche ist zunächst recht merkwürdig anzuschauen. Ein akkurater Betrachter würde sagen, das Bild ist versaut.

Doch trotz dieser optischen Irritation ist das Bildpersonal noch ganz gut auszumachen: Die Pressefotegrafinnen in der Mitte wurden schon oft gesehen – ebenso wie die Damen vorn. Der Mann vorn links ist jedenfalls ganz unverkennbar der Grafiker und Schröder-Freund Klaus Staeck (das Fest fand im Frühsommer 2005 statt).

Das in Berlin lebende Künstlerpaar Römer + Römer – sie heißt Nina und ist Russin, er heißt Torsten und ist Deutscher, zusammen studierten sie in Düsseldorf in der Klasse Penck – malt immer solche realistischen Szenen, denen digitale Fotografie zu Grunde liegt und die das Reale dann ins Surreale treiben. Die beiden passen mit Vorliebe Berliner Straßenszenen, Feste, Kneipensituationen, Spielplatz-, Sport- und U-Bahn-Motive einer computerstilisierten, manipulierten Realität an. Bevor das Bild in Hochglanzästhetik mit maximaler digitaler Auflösung erscheint, werden geschickt einzelne, sich überlagernde Flächen in Öl-oder Acrylfarbe auf die Leinwand übertragen. Vorder- und Hintergrund greifen ineinander, Konturen scheinen zu verlaufen. So viel zur Technik dieses Bildermachens.

Mindestens ebenso spannend ist das Thema, das die Römers zuerst mit der Kamera durch Berlin treibt und hernach ins Atelier an den Computer, an die Farbtöpfe und Leinwände: Sie nennen ihre erste große Einzelschau „Café-Bistro-Hauptstadt“, und für das hier abgebildete Motiv war weniger das Kanzlergartenambiente wichtig als das gegenüberliegende Haus der Kulturen – Synonym für Multikulti in Berlin.

Und so folgen denn auch in der Ausstellung weitere Ansichten türkisch-deutscher Imbisse, Bistros, Cafes, von kopftuchtragenden Frauen, asiatischer Blumenverkäuferinnen, schwarzer Taxi- und weißer Rikschafahrern und abenteuerlicher Punks. Alles Bilder, deren Konturen ebenso verlaufen. Alles ziemlich melancholisch. Das Multikulturelle in Berlin ist nicht stabil, eher desolat, wollen die Künstler sagen. Es ist keine Klage, auch keine Warnung. Nur eine Feststellung.

Badisches Tageblatt, Renate Dülk „Künstler suchen Paare für Knutschperformance“, 16/04/2004
русский / Konkurent, Андрей Горбонос «Ost Motive », 27/08-1/09/2002
русский / Владивосток „Из убежища – в «Арку»“, 30/08/2002
русский / Афиша, Наталья Баранова „Немецкие художники: пересекли границы ради справедливости“, 2-8/09/2002
русский / Вестник, Андрей Горбонос „Семейный арт-дуэт“, 2-3/9/2002
русский / Комсомольская Правда, Наталья Баранова „Немецкие художники за «Бесконечную справедливость»“, 23/08/2002
Westfalen-Blatt, Christina Stiehl „Arbeiten mit dem EC-Symbol“, 2/10/2001
Westfalenpost, Michael Kleinrensing „Kooperation bildender Kunst“, 10/01/1998