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  • Anne Simone Krüger „Ein Blick auf temporäre Gemeinschaften in anderen Räumen“, 2017

Detail: Party Sträflinge, 2014, Öl auf Leinwand, 200 x 240 cm

Menschenansammlungen unterschiedlichster Größenanordnungen, mal als wogendes Meer tanzender Figuren, mal in kunstvollen Installationen sitzend, bevölkern die Bilder der Ausstellung «Durchs Fenster in die Räuberhöhle». Einige stechen durch auffallende Kostümierung aus der Masse hervor, andere verschmelzen mit der Menge. Sie feiern, tanzen, verlassen den Alltag und tauchen ein in einen Ausnahmezustand, der sich mit einem einzigen Begriff beschreiben lässt: Fusion. Seit 1997 verwandelt sich einmal im Jahr der ehemalige russische Militärflughafen in Lärz, in Mecklenburg-Vorpommern, in einen Ort, an dem vier Tage lang „Ferienkommunismus“ ausgerufen wird.[1] Musik unterschiedlichster Spielarten, Theater, Performance, Installationen – das kulturelle Großereignis bringt gerade durch seine Diversität verschiedenste Menschen zusammen, die alle doch eines gemeinsam haben: sie sind auf der Suche nach der Freiheit so sein zu können, wie sie sein wollen: zwanglos und unkompliziert.[2] Aber bietet das Festival wirklich die absolute Loslösung von allen verpflichtenden Strukturen? Entstehen nicht vielmehr neue, andere Systeme, die diese temporäre Gemeinschaft ordnen und ein Paradox zum Begriff absoluter Freiheit darstellen? In ihrer ganz eigenen, zeitgenössischen Form der Historienmalerei[3] setzen Römer + Römer bunte, leuchtende, vibrierende und doch gleichzeitig nachdenkliche Momentaufnahmen der Fusion ins Bild. Ohne zu werten oder zu moralisieren, stellen sie essentielle Fragen nach menschlichem Sozialverhalten, nach Gruppendynamiken, nach Inklusion und Exklusion, nach außeralltäglichen Erlebnisqualitäten und ritualisierten Erlebnisprogrammen.

Als empirische Arbeit lässt sich dieser Werkzyklus zur Fusion bezeichnen. Von 2012 bis 2016 war das russisch-deutsche Künstlerpaar Römer + Römer, mit der Kamera bewaffnet, auf der Fusion unterwegs. Schon seit 1998 arbeiten Nina und Torsten Römer gemeinsam an allen ihren Projekten. Und auch an ihren Bildern. Selten findet man eine derartige Vorgehensweise: zwei Künstler, gleichzeitig vor einer Leinwand. Studiert haben beide in Düsseldorf und machten dort ihren Meisterschüler bei dem kürzlich verstorbenen A. R. Penck, der berühmt ist für seine strichmännchenartige Zeichenkunst, mit der er die damalige Trennung Deutschlands und die Suche des Individuums nach einer freien Gesellschaft thematisierte. Römer + Römer haben ihre Malerei, aber auch Performances und Aktionen im öffentlichen Raum, in den letzten Jahren im In- und Ausland gezeigt, u. a. auf der 56. Biennale in Venedig. Aktuell machen Römer + Römer mit ihrer Kussperformance von sich reden, die im Rahmen der Ausstellung „Kuss. Von Rodin bis Bob Dylan“ im Bröhan-Museum in Berlin zu sehen war und über die Arte und das ZDF ausführlich berichteten.

Für die Ausstellung «Durchs Fenster in die Räuberhöhle», die ihren Titel vom gleichnamigen Bild hat, das einen „Räuberhöhle“ genannten Tanzbereich der Fusion zeigt, haben sich die Künstler dafür entschieden, ein letztes Mal Arbeiten aus der Fusion-Serie zu zeigen, eine Hommage an die Hamburger Fusion-Gründerzeit. Und für uns als Betrachter die Möglichkeit, trotz der diesjährigen Kreativpause des Festivals ein bisschen Fusion Feeling zu erleben. In leuchtenden Farben schildern die Bilder subjektive Eindrücke des Festivals – gesehen, fotografiert, digital überarbeitet und dann im individuellen Römer + Römer-Stil in Malerei transformiert. Charakteristisch für Nina und Torsten ist die „Verpixelung“ ihrer Bilder – die Arbeiten spielen mit der Tatsache, dass sie vom Foto abgeleitet sind, sie legen diese Relation ganz bewusst offen. So verweisen sie zum einen auf die ewig aktuelle Debatte um die Illusion der Malerei und die Frage um ihren Realitätscharakter, die Magritte so pointiert auf den Punkt brachte, als er das Bild mit dem Titel „der Verrat der Bilder“ malte, auf welchem unter einer gemalten Pfeife steht, dass dies keine Pfeife sei. Wo Magritte recht hat, hat er recht: es handelt sich tatsächlich nicht um eine Pfeife, sondern um Farbe auf Leinwand, die Malerei thematisiert sich selbst. Zum anderen sind die Römerschen Pixel gerade im digitalen Selfie-Zeitalter der Inbegriff von Bild. Gleichzeitig setzt die durch die Verpixelung erreichte Unschärfe den Betrachter in Bewegung. Denn wenn wir uns dem Bild nähern, um die Details zu betrachten, zerfällt es in unzählige einzelne Farbpunkte. Erst das Zurücktreten ermöglicht uns, die Bilder vollständig zu erfassen. Die Distanz wiederum erlaubt erst einen objektiven Blick und lässt die Nachdenklichkeit der Bilder erkennen, die sich sowohl in den Titeln als auch bildimmanent findet.

„Party Sträflinge“ zum Beispiel zeigt eine tanzende Menschenmenge, die sich auf einer Lichtung zwischen Bäumen zusammengefunden hat. Die Szene ist eine Nachtaufnahme, überraschend ist die dennoch leuchtende und intensive Lichtstimmung. Über ein aufwändiges Lasurverfahren gelingt es den Künstlern ein Farbleuchten zu erzeugen, dass aus der Tiefe des Bildes zu kommen scheint. Geprägt ist die Lichtstimmung auch von der Party-Beleuchtung, die sich in warmen gelben Zickzacklinien über die gesamte Szenerie legt und die Gruppe visuell vereint, ihr aber auch eine auffallende Gleichförmigkeit verleiht, eine homogene Masse erzeugt. In Kombination mit dem Titel macht sich ein latentes Gefühl breit, dass der von der Fusion propagierte Ferienkommunismus möglicherweise doch nicht in absoluter Freiheit mündet, dass sich ganz anderer sozialer Handlungsdruck aufbaut. Die Party-Sträflinge werden bis zum Morgengrauen und darüber hinaus auf der Tanzfläche sein, denn wer schläft verpasst das Beste und die Tage des kollektiven Urlaubs vom Leben sind gezählt…

„Luftschloss“ greift mit diesem Titel die Idee der temporären Utopie auf, die im Kontext der Fusion immer wieder zitiert wird.[4] Vor einem hell erleuchteten Hangar durchfeiern die Fusionisten die Nacht, man meint die Musik, von der man weiß, dass sie da ist, in der haptisch gearbeiteten Bildoberfläche, in den gestisch aufgetragenen Pinselstrichen und -tupfern eingefangen zu sehen. Das in der Bildmitte platzierte Licht wirkt wie ein neoromantischer Hoffnungsschimmer am Horizont eines lilafarbigen Meeres aus Menschen. Dass Lila in der christlichen Farblehre für Besinnung und Buße steht, ist eine augenzwinkernde Anspielung am Rande. Die Figuren auf dem Bild dagegen finden Sinn in einigen Tagen ohne Verpflichtungen, ohne Routine, ohne Morgen… Ärgerlich nur, dass Utopien Orte ohne realen Ort sind. Gerade in Bezug auf die Fusion stellt sich zudem die Frage, ob sie dauerhaft noch als Ideal einer Lebensform erstrebenswert wären. ‚Party non stop’ als Modell einer idealen Gesellschaft? In ihrer wissenschaftlichen Analyse des Festivals, die 2011 erschienen ist, kommt Babette Kirchner zu dem Schluss, dass „mittels Exzess als Gesetz des Festivals (…) alltägliche Normen außer Kraft gesetzt (werden), um später erneuert zu werden“[5]. Der Fusion-Gänger mag ob solcher Feststellungen durchaus irritiert sein, besucht er doch das Festival um sämtlichen Gesetzen zu entkommen. Doch das Luftschloss ist Programm und bei genauerer Betrachtung des Festival-Modells kommt man an dem französischen Philosophen Michel Foucault und seinen Ideen von anderen Räumen nicht vorbei. Diese „anderen Räume“, die er als Heterotopien bezeichnet, sind „wirkliche Orte, wirksame Orte, (…), tatsächlich realisierte Utopien, in denen die wirklichen Plätze innerhalb der Kultur gleichzeitig repräsentiert, bestritten und gewendet sind, gewissermaßen Orte außerhalb aller Orte, wiewohl sie tatsächlich geortet werden können.“[6] Das Luftschloss der Utopie erweist sich, in letzter Instanz, als Heterotopie, die sich nicht zuletzt dadurch auszeichnet, dass sie betreten und verlassen werden kann. Wie die Fusion, die sich gegen die Welt durch einen Zaun schützt. Tritt man ein, ordnet man sich den Regeln des Ausnahmezustands unter; verlässt man das Gelände, treten die Gesetze des Alltags in Kraft. Dennoch ist gerade die temporäre Flucht mit dem Wissen um genau jene Endlichkeit das, was dem Festivalbesuch seine unglaubliche Intensität verleiht und im Alltag im besten Fall so lange nachklingt, bis die nächste Fusion ansteht.

Das Festival hätte einem Zeitgenossen des eben genannten Foucault sicher ebenfalls große Freude bereitet. Ob Jean-Paul Sartre, der sein Leben lang von Aufputschmitteln abhängig und starker Alkoholiker war, im Festivalbesuch selbst seine Erfüllung gefunden hätte, sei dahingestellt. Seine Überlegungen zum Blick jedoch hätte er dort sicherlich vertiefen können. Denn wir werden uns unserer Existenz, so Sartre, letztlich erst in dem Moment bewusst, in dem wir wissen, dass wir von anderen betrachtet werden. Individuum und Gemeinschaft sind also ohneeinander nicht denkbar.[7] Ein solcher Moment des Bewusstseins über das Angeblickt-werden und die daraus resultierende Selbstinszenierung, findet sich eindrucksvoll visuell umgesetzt in „Hexagon Lounge“. Eine Gruppe aus fünf Personen hat sich hier wunderbar dekorativ in eine sechseckige und mit Bänken ausgestattete Installation platziert, die dramatisch beleuchtet und von einem den Betrachter fokussierenden Geisha-Porträt hinterfangen wird. Individualismus wird, das macht diese Gruppe deutlich, im Bewusstsein der Blicke der anderen Festivalbesucher gelebt, Selbstinszenierung wird zu einem wesentlichen Bestandteil innerhalb dieser Gemeinschaft auf Zeit.

Blicken wir auf die restlichen Bilder dieser Ausstellung so fällt auf, dass sie alle Gruppen zeigen. So spiegelt sich in der Fusion-Reihe ein Thema wider, das wesentlich für das Werk von Römer + Römer ist, und welches sie gerade in Bezug auf diesen außergewöhnlichen Erlebnisraum in ganz neue Richtungen für sich bearbeiteten konnten. Denn im Kern geht es in fast allen Werken der Künstler um verschiedene Gesellschaftssysteme, um Randgruppen und in letzter Instanz um den Menschen an sich. Anthropologische Malerei könnte man diesen Ansatz nennen. Im Kontext der Fusion anthropologische Malerei, die sich mit den Regeln der Ausnahme auseinandersetzt und Momente extremen Erlebens einfängt. So schaffen sie eine neue Form der Historienmalerei, die „Gesellschafts- und Milieuporträts von oft farbig schillernden Phänomenen“ schafft, die malerische und gedankliche Tiefenbohrungen in Sphären vornimmt, die mehr über den Menschen verraten, als das Prädikat „Event“ vermuten lassen würde und uns am Ende – sofern wir uns darauf einlassen – mit uns selbst konfrontieren.

Mit dem Abschluss des Fusion-Zyklus geht es für Römer + Römer mit der Auseinandersetzung mit ihren Eindrücken des Burning Man-Festival in Nevada weiter. Wir dürfen gespannt sein, welche Fragen die Künstler dann stellen werden….

 

[1] http://www.fusion-festival.de/de/x/festival/was-ist-die-fusion/

[2] Vgl. ebd.

[3] Luisa Heese: Rede anlässlich der Ausstellungseröffnung „Generalstreik“ von Römer+Römer im Kunstverein Münsterland, Coesfeld, am 11. Juni 2017

[4] z.B. https://www.kulturkosmos.de/mobile.php, http://www.deutschlandfunkkultur.de/fusion-festival-in-laerz-guerteltier-im-festumzug.1001.de.html?dram:article_id=322661

[5] Babette Kirchner: Eventgemeinschaften. Das Fusion-Festival und seine Besucher, Wiesbaden 2011, S.157.

[6] Michel Foucault: Von anderen Räumen. (Des espaces autres, 1967/1984), aus dem Französischen von Michael Bischoff, in: Raumtheorie. Grundlagentexte aus Philosophie und Kulturwissenschaften, hg. von Jörg Dünne und Stephan Günzel, 8. Aufl., Frankfurt 2015, S.317-329, S.320.

[7] Vgl. Jean-Paul Sartre: Der Blick. In: Das Sein und das Nichts. Versuch einer phänomenologischen Ontologie. hg. von Trautgott König, Deutsch von Hans Schöneberg und Trautgott König, Hamburg 1991, S.457-488.

 

Rede anlässlich der Ausstellungseröffnung am 17. November 2018 von Römer+Römer „Durchs Fenster in die Räuberhöhle“, Siller Contemporary, Hamburg

 

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