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  • David Riff und Viktor Kirchmeyer „Grenzenlose Gerechtigkeit“, 2002 русский

Installation auf dem Karneval der Kulturen, Berlin, 17.-20.5.2002

In der Serie „Grenzenlose Gerechtigkeit“ werden die Malereien und Computerbilder des russisch-deutschen Künstlerpaars Nina und Torsten zu rituellen Objekten in einer unbekannten Liturgie verwandelt. Auf den zweiten Blick erkennt man die Zeichen, aus denen die Malereien und Computerbilder aufgebaut sind – das Bundeswehrkreuz und der NATO-Stern verschmelzen mit islamischen Schriftzügen.

Im Gewebe dieser Zeichen setzen sich Torsten und Nina Römer nicht nur mit dem offenkundigen, inflationär diskutierten „Krieg der Kulturen“ und ihrer Symbole auseinander. Vielmehr wird der sich nach den Terroranschlägen des 11. Septembers verschärfende Konflikt Anlass zur Reflektion über die Zeichen selbst, über ihre religiöse Faszination und ihre offenkundige Bedeutungslosigkeit im Angesicht der Wiedersprüche: Recht im Unrecht, Böses im Guten, Freiheit in der Unterjochung, Leben im Tod.

Vermeintlich „Gutes“ und „Böses“ werden im Bild zusammengeführt, verstrickt. Die unbekannten Buchstaben sehen teilweise wie scharfe Säbel aus, der NATO-Stern leuchtet zweierlei und suggeriert nebst Einheit der Verbündeten Visionen einer sich nach allen Himmelsrichtungen ausdehnender Expansion, das Bundeswehrkreuz, das praktisch unverändert die Gestalt des Reichs- und Wehrmachtskreuzes fortführt, erscheint nicht minder bedrohlich.

Die Unsicherheit um ethische Konnotationen der Zeichen wird in den Bildern deutlich, das Fremde und das Eigene werden in formalästhetisch der Op-Art verwandten Mustern verwoben, bloß geht es hier nicht um reine Kunst. Eher intensiviert dieses Zeichenspiel die Fragestellung, was ist „unser“, was ist „fremd“, was ist „nah“ und was „fern“ und wie kam es dazu? Fragen werden gestellt und es bleibt jedem selbst überlassen, eine Position zu beziehen. Gleichzeitig bedeutet die Inszenierung der Logotype, dass Nina und Torsten Römer das erschöpfte liturgische Potential der Zeichen in einem kulturellen Synkretismus neu aufladen. Über ornamentale Metamorphosen und Verschmelzungen, durch ständige Infragestellung und Neupositionierung wird das Zeichen wieder heilig, oder so wenigstens das Postulat. Aber werden solche Zeichen jemals wirklich zur Chiffre einer echten „grenzenlosen Gerechtigkeit“ jenseits der verworfenen Pentagonfloskel?

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