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  • David Riff „ELECTRONIC CASH: Variationen eines magischen Symbols“, 2000

Das EC-Symbol ist in Deutschland einer der wichtigsten Zeichen unserer Alltagswelt. Es erscheint an zentraler Stelle auf fast jeder Bankkarte und jedem Geldautomaten. Die wörtliche Entschlüsselung dieses Zeichens, die entweder „Eurocheque“ oder „Electronic Cash“ bedeuten kann, ist eigentlich unwichtig: Hauptsächlich verweist das EC-Zeichen auf die Möglichkeit einer magischen Transformation. Ohne Geld in der Tasche, nur mit Schulden auf dem Bankkonto kann ich mit meiner Plastikkarte und einem Passwort bewaffnet an den Automaten treten, und „Sesam, öffne dich“, ich bin reich.

Ich greife mit der EC-Karte digitales Geld aus dem ätherischen Strom der elektronischen Finanzen heraus. Ich bekomme es analog, entweder als Bargeld oder direkt als Konsumprodukt. Diese Verwandlung beruht nicht auf festen Werten, sondern auf fließenden Krediten. Ich kann im ständigen Minus leben. Ohne Geld zu berühren, darf ich nur mit Plastik bezahlen. Der Tausch wird zum Fluss, das Geld zur Fiktion.

Um dem elektronischen Geld und seiner Fiktion eine Aura der Solidität zu verleihen, werden seine Mittel mit dem EC-Markenzeichen „gebrandet“. Im Gegensatz zum eigentlichen digitalen Tausch, ist das EC-Zeichen unveränderlich, unfälschbar, wie das Geld, das es symbolisiert. Umgeben von einem Oval, mit Sternschleifen geschmückt, stehen in einem gerundeten Rechteck die verschränkten, vereckten Lettern „e“ und „c“. Die sechs hypertrophen Rahmen des Symbols forcieren die Wichtigkeit des Zeichens. Seine Schleifen, aus der Ästhetik des Geld-Designs übernommen, verweisen auf seine monetäre Echtheit. Es handelt sich also beim EC-Zeichen um ein Emblem der Authentizität und des Wertes. Aber dieses Symbol verbirgt hinter seiner Unveränderlichkeit eine Vielzahl magisch-technologischer Verwandlungen.

Meiner Meinung nach, befassen sich die Arbeiten der Künstler Torsten und Nina Römer gerade mit diesem paradoxen Verhältnis zwischen der unveränderlichen Aura der EC-Zeichens und der magischen Mehrdeutigkeit des eigentlichen „electronic cash“. Das Grundprinzip ist verblüffend einfach: Einerseits wenden sie die Logik der Verwandlung auf das unverwandelbare EC-Zeichen an. Sie variieren, fälschen und verändern es, transformieren es medial und vervielfältigen es. Andererseits beschwören sie den magischen Status des Emblems und hüllen es in eine schillernden und glänzende Aura des Wertes.

Zunächst nutzen sie zu diesem Zweck die Malerei. Das EC-Zeichen erscheint vergrößert als Ikone auf der Leinwand. Hier bahnen sich kunsthistorische Vergleiche mit der Pop-Art an, die auf ähnliche Weise „gefundene“ Konsumembleme in die Umlaufbahnen der hohen Kunst katapultiert. Durch die Vergrößerung des Formats, die Veredlung der Tönung und die Verzerrung oder Verspiegelung der Form erscheint das EC-Zeichen in gesteigertem, fast hypertrophen Wert. Mit der melierten Patina der Authentizität überzogen, gleichzeitig aber eine ironische, fast kitschige Fälschung, nimmt das Zeichen eine barocke Intensität an. Alleine wäre es nur eine „Vergoldung“ des „EC“ Zeichens durch die selbst-ironischen Augen der Künstler. Aber im Nebeneinander mit anderen Werken des gleichen Zyklus wird es zur magischen Variante.

Ein solches Nebeneinander inszenierten die Künstler zum Beispiel in der von ihnen organisierten Gruppenausstellung M°A°I°S, die im Jahr 2000 in einem Kölner Hochbunker stattfand.

Der Raum von Nina und Torsten hob sich stark von der neongrauen Luftschuftatmosphäre des Bunkers ab. Hier hing in warmer Beleuchtung eine ganze Reihe von EC-Ikonen. Man betrat und bewanderte den Raum über einen lackierten Laufsteg und befand sich in einer Schatzkammer, in einem Art säkularen Schrein. Der gewohnte Kontakt zum EC-Zeichen wurde unterbrochen. Statt Geld abzuheben, bewunderte man Kunstwerke, die Reliquien des Geldes. Hierbei stand viel weniger gerade die spezifisch „elektronische“ Magie der Karte und des Automaten im Vordergrund; stattdessen wurden deren Zeichen als Variationen verbrämt und zur Anbetung dargelegt.

Mit der spezifischen Qualität der analog-digitalen Verwandlungen, die das „electronic cash“ als Magie von gewöhnlichen Währungen abzeichnet, beschäftigen sich Torsten und Nina Römer in ihren Drucken und Computergrafiken des letzten Jahres. Diese Arbeiten sind im Gegensatz zu den Ölbildern bis zu einem gewissen Grade digital, da ihre Kompositionen alle aus den Pixels des Computers entstehen. Die EC-Karte und ihr zentrales Motiv werden nun nicht vom Bankautomaten sondern vom Heimscanner gelesen, der ihre Gestalt an ein Bildverarbeitungsprogramm schickt. In diesem Programm nutzen die Künstler nun die Möglichkeiten der digitalen Transformation, um das Geldzeichen zu variieren.

Hierbei gibt es unterschiedliche digitale Strategien und analoge Endprodukte, wie es auch bei der reellen Verwendung der Geldkarte als Zahlungsmittel verschiedene Möglichkeiten gibt. Die erste Strategie ist die monochrome Komposition. Sie wird durch einen komplizierten Übertragungsprozess vom Digitaldruck auf Kupferplatten als zwei farbiges Muster eingeätzt und manuell gedruckt. Digital wird also das EC-Symbol seiner Farbe entleert, auf Linien und hell-dunkle Flächen reduziert, dann multipliziert, verzerrt und verschoben. Die Digitalisierung ist also doppelt: Nicht nur das Emblem wird selbst durch den Scanner in Pixel verwandelt, sondern auch seine Farben und seine Komposition wird als 0 oder 1, als hell oder dunkel aufgefasst. Die so entstandenen Flächen lassen sich dann ausschneiden, spiegeln, proportional verändern und neu montieren. Hier kommt sowohl die gezielte Arbeit mit bekannten Werkzeugen wie auch das zufällige Experiment mit Filtern, Streckungen und Spiegelungen in einem langen Prozess des „trial and error“ zur Geltung.

Das „Programm“, dass das EC-Emblem nun durchläuft, ist wie eine ästhetisierte, ungeheuer verlangsamte Version der Geldautomatensoftware und ihrer Überlegung „Soll ich diese Karte annehmen oder nicht“. Das lakonische EC-Symbol wird durch die Künstler geprüft und verschoben, bis es eine neue Antwort in Form eines wertvollen Papiers, eines Geldscheins also, ausgibt. Dass dieser neue „Geldschein“ per Hand gedruckt wird, um seine Authentizität zu steigern, entspricht vielleicht der Vergoldung des EC-Emblems in den Ölbildern. Der aufwändige Prozess der Übertragung auf Kupferplatten und ihr späterer Druck entspricht aber auch der magischen Vorstellung, dass ein Geldautomat praktisch die Bargeldscheine neu druckt, bevor er sie uns ausspuckt. Nur ist eben bei diesem künstlerischen Verfahren der Gelddruck selbst eigentlich unvorhersehbar, langsam und auf Variationen statt standarte Noten ausgerichtet.

Ein weiteres Verfahren, mit dem Torsten und Nina Römer das EC-Emblem modifizieren und transformieren, ist die farbige Computergrafik. Sie wird als digitale Belichtung auf Fotopapier ausgegeben. Wenn das aufwändige Verfahren der monochromen Drucke einer langen, mühseligen Transaktion mit dem Geldautomaten entspricht, so ist dieses zweite Verfahren eher mit der direkten Kartenzahlung im Geschäft verwandt. Statt das farbige Symbol in monochrome, geometrisch-reduzierte Elemente zu verwandeln, um es dann zu montieren, transformieren sie nun das EC-Symbol fotographisch, als Digitaldrucke in Graustufen oder Farbe. Rein technisch werden nun sowohl subtile Verwackelungs- und Weichzeichnungsverläufe als auch farbliche Experimente möglich, die im strengen Medium des Kupferplattendrucks nicht existieren könnten. Das EC-Zeichen, sein Umfeld und das angeleuchtete Hologramm der Bankkarte werden alle nun neu komponiert, verwischt, verschoben und mit farblichen Differenzen überlagert. Man könnte die so entstehenden Kompositionen mit den verspielten Täuschungen der Op-Art, den kaleidoskopischen Effekten der Psychadelik, und der Unwirklichkeit der Fraktalen-Computerbilder vergleichen. Die Variation gewinnt einen synthetischen Charakter, dessen Magie nicht mehr zurück in die analoge Wirklichkeit der Geldscheine deutet. Vielmehr bleibt sie markiert digital und spricht nur noch die analoge Retina des Betrachters mit ihren optischen Reizen an. Sie hat also das Potential des EC-Symbols in visuelle Energie umgewandelt, die nun ausgeben wird.

Die Magie der Geldkarten ist natürlich nicht nur auf den Bankautomaten und das bargeldlose Bezahlen im Geschäft beschränkt. Das Symbol ist mächtig genug, um noch in vielen weiteren, differenzierten Variationen zu erscheinen. Alle diese Möglichkeiten, denen Nina und Torsten noch zweifellos in den kommenden Monaten und Jahren nachgehen werden, kann man hier nicht in Betracht ziehen. Doch die digital-analoge Verwandlung des EC-Symbols, seine Fälschung und seine Huldigung gehen weiter, in der Malerei, in der Grafik und in der Performance.

Zum Schluss noch eine Bemerkung: Diese Akivität ist irgendwie suspekt. Denn Torsten und Nina sind Geldfälscher. Als junge Künstler, die nie genug Geld haben, beschließen sie sich ihre eigene Währung zu erfinden. Sie „hacken“ die EC-Karte und ihr Symbol und drucken die neue Währung in ihrer Werkstatt im Berliner Underground. Diese neue Art der Valuta kursiert nun subversiv. Nina und Torsten sitzen verschwörerisch in ihrer Küche und hecken auf deutsch, russisch, englisch und französisch neue Fälscherpläne mit einem internationalen Konsortium aus. Wohin soll das alles noch führen?

Text von David Riff, 2000

 

David Riff (*London 1975) hat Theaterregie, Anthropologie, Geschichte und Literatur in Moskau, New Paltz (N.Y) und Bochum studiert. Er schreibt als freier Autor sowohl literarische Texte als auch Texte zur bildenden Kunst. Er lebt in Berlin und Moskau.

 

 

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