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  • Gerhard Charles Rump „Rekonstruktionen: Punkte und Pixel“, 2011

Schaukel im Mauerpark, 2005, Öl und Acryl auf Leinwand, 200 x 260 cm

Das deutsch-russische Künstlerpaar Römer + Römer (Nina und Torsten Römer) arbeitet seit 1998 zusammen. Ihr Werk ist vielschichtig und vielseitig: Sie fotografieren, veranstalten Performances, kuratieren Ausstellungen¹ und produzieren Bilder. Wrewenn sie häufiger historische und politische Bezüge in ihren Aktivitäten zu Tage treten lassen – so war die Ausstellung in Berlin, »Der freie Wille» eine Aktion zum 20. Jahrestag von »Glasnost« und 2004 »HA KYPOPT (Na Kurort) – Russische Kunst heute« in Baden-Baden bezog sich auf die historische Verbindungen von Baden-Baden zu den reichen Russen der Karenzzeit – warten sie in ihren Gemälden nicht mit politischer Rekonstruktion auf, sondern mit ästhetischer.

Phänotypisch rekurrieren die Römer-Bilder auf aufgepixelte Computerbilder, wobei die werkgenetische Verbindung dazu mit eine Rolle spielt. Ob Landschafts- oder Alltagsszenen, die »didaktische Anknüpfung«, das »Einfangen« des Betrachters erfolgt mittels ihm durch seinen Status als »user«, als Computeranwender und Konsumenten digitaler Bilder, bekannter, ja vertrauter Phänomene. Was Yongbo Zhao mit altmeisterlicher Technik macht, vollbringen Römer + Römer mit der alltäglichen Pixelstruktur in der modernen Bildkommunikation, auf die sie aber auch explizit aufmerksam machen.

Das allein reicht aber nicht ganz aus, um hier eine ästhetische Rekonstruktion zu konstatieren. Zunächst ist es ja so, dass die Bildpunkte eben kein digitales Bild ergeben, sondern ein, horribile dictu, analoges. Sicherlich ist die Herstellung eines analogen Bildes mit den ästhetischen Mitteln der digitalen Welt ein heuristisch fruchtbares Paradox, das rekonstruktive Charakterzüge besitzt, aber der Bogen spannt sich weiter noch.

Die Pointillisten als Sonderbewegung des Impressionismus (Seurat zum Beispiel) waren die ersten, die die sichtbare Welt in Bildpunkte zerlegt haben, was im Druckraster des Bilderdrucks ²  dann reine angewandte Technik wurde. Dieser Beschreibung mag man zunächst zustimmen, aber man darf dabei nicht vergessen, dass die druckgraphischen Techniken schon viel früher solche Methoden kannten. Die sogenannte »Punktiermanier« (»stipple engraving«), besonders im 18. Jahrhundert beliebt, hatte nämlich den Bildaufbau aus Punktmustern schon vorweggenommen.³  

Die Pontillisten waren allerdings mehr an physikalischen Experimenten der Zerlegung von Licht und Farbe interessiert. Seurat hatte schon 1876 «die Reinheit des Spektrums als Schlüssel der Maltechnik» angesehen.⁴ Bei ihm entsteht das Bild aus «Punkten» aus den Grundfarben und ihren Zwischentöne, die durch Weiß getrennt werden und mit weiß, aber nie miteinander vermischt werden. Seurat bezog sich so auf die physikalisch-wissenschaftliche Beschäftigung mit der Farbe, die sich zu seiner Zeit Gehör verschaffte.⁵

Wenn Römer+Römer als «handgemalte», analoge Bilder mit einer Bildpunktstruktur verfertigen, rekonstruieren sie ästhetisch die ganze Geschichte des Bildpunkts und machen sie sich für ihre Zwecke zunutze. Dazu sind ebensowenig Referenzen an bestimmte Bilder von Signac oder Seurat nötig wie bei Bisky an bestimmte Bilder aus der Kunstgeschichte des Totalitarismus. Römer+Römer rekonstruieren nicht im engeren Sinne kunsthistorisch, sondern ästhetisch: Bild und Bildfaktur stehen als neues und auch anderes Drittes zischen historischen Methoden des Bildaufbaus durch Punkte einerseits und dem digitalen Bildpunkt andererseits – und sind Mehr als beide.


1 So etwa «Der freie Wille», 16. Juni bis 31. Juli 2005 in Berlin, Bunker unterm Glashaus, Arena Berlin.

2 Regelmäßige Raster etwa im Buch- und Zeitungsdruck, wenn Bilder wiedergegeben wurden, unregelmäßige Bildpunkte etwa in der Reproduktionstechnik des Lichtdrucks (sog. «Runzelkorn»).

3 Man mag auch auf Hogarth «Analysis of Beauty» (1753) beweisen, und dessen Darstellungen auf der zweiten Tafel (auf dem sich schon ein abstraktes Bild avant la lottre befindet).

4 Hier zit. n. John Rewald: Die Geschichte des Impressionismus, Köln 1965, S. 300

5 Rewald, a.a.O.

 

aus dem Buch von Gerhard Charles Rump „REKONSTRUKTIONEN, Positionen zeitgenössischer Kunst“, erschienen im B&S SIEBENHAAR Verlag , 2011

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