Menü
  • Johan Holten „TERRORIST Nr. 1“, 2009

Terrorist Nr. 1, 2006, Oil on canvas, 290 x 400 cm

Große Leinwände mit tausenden farbigen Punkten, die sich zu einem Motiv fügen. Eine Menschenmenge auf einer Straße, dahinter Bäume, links zwei Fahrzeuge mit der Andeutung eines Blaulichts auf dem Dach. Zwischen und unter den Autos, auf der vermutlich monochromen Fläche der Straße, tut sich wider Erwarten etwas Verwunderliches. Wo das Auge mit einer mehr oder minder einheitlich grauen Asphaltmasse rechnet, ergießt sich ein Füllhorn von Farben. An den Übergängen von Hell- zu Dunkelgrau mischt sich Türkis mit Pink und Lila. Dort, wo die Bremslichter der Polizeiautos auf die Straße reflektieren, sind Streifen in Rot, Orange und Weiß zu sehen. Direkt daneben scheinen sich farbige, fast konturlose Punkte wie Inseln im Ozean zu verstreuen. Eine eindeutige Beschreibung der farblichen Wirkung ist nahezu unmöglich.

Römer + Römer nutzen einen Fehler, ein Nebenprodukt der digitalen Fotografie, um eigenartige Gemälde zu schaffen. Ihre Malerei verweist einerseits auf kunsthistorische Positionen¹, andererseits auf das Umfeld der Künstler, Nina und Torsten Römer. Mit einer Kamera durchstreifen sie die Hauptstadt der Republik und zusehends auch andere Metropolen. Sie fotografieren Menschenmengen, Imbisse, Bars, Konzerte. Im Atelier werten sie die zahllosen Aufnahmen aus, um einzelne Motive herauszufiltern. Dabei geht es ihnen nicht nur um die Bildinhalte, sondern auch darum, atmosphärische Bildstrukturen zu entdecken.

Seit mehr als zehn Jahren werden digitale Aufnahmen überwiegend im „Joint Photografics Experts Group“-Standard, kurz JPG, gespeichert. Die Kamera oder der Rechner reduziert dabei das Bild auf ein bestimmtes Farbenspektrum, um Speicherplatz zu sparen. Wo das menschliche Auge am Übergang zwischen einem tiefblauen Himmel am Horizont und dem hellen Weiß nahe der Sonne Millionen von farblichen Nuancen wahrnimmt, „sieht“ ein JPG-Bild nur einige hundert klar voneinander differenzierte Farben. Wo das Weiß des Himmels in das gleißende Gold der Sonne übergeht, erkennt die digitale Kamera eine für das Auge nicht wahrnehmbare Kontrastfarbe, ein sogenanntes Artefakt oder einen Bildfehler. Diese und andere Eigenschaften setzen Römer + Römer bewusst ein, um eine sonderbare zeitgenössische Bildwelt zu schaffen. Durch Größe und Übertreibung machen sie digitale Bildartefakte sichtbar.

Von den vielen Bildern auf ihrem Rechner eignen sich einige besser als andere für ihr Verfahren. Schon vor der Auswahl richten die Künstler ihr spezielles Augenmerk auf Motive, die die gewünschte Wirkung herstellen lassen. Sie suchen Orte auf, an denen viele Menschen mit bunter Kleidung dicht gedrängt stehen, woraus auf der Leinwand ein Meer aus farbigen Punkten entstehen kann. So bildet sich eine Vorliebe für gewisse Sujets heraus, zu denen die bunten Demonstrationen einer mehr oder weniger politisierten Jugendkultur in Berlin gehören.
Über den Umweg der Suche nach geeigneten Motiven ist eine Reihe von Dokumenten einer ganz bestimmten Zeit und Kultur entstanden. Die erste deutsche institutionelle Einzelausstellung der Künstler zeigt eine Auswahl dieser Dokumente.

¹ Im Pointillismus wurden impressionistische Motive mittels kleiner voneinander getrennter Punkte dargestellt. Eine andere einflussreiche Stilrichtung ist der Fotorealismus bzw. Hyperrealismus, der ab 1970 hauptsächlich in den USA praktiziert wurde.

Text erschienen im Prospekt zur Ausstellung „RÖMER + RÖMER. TERRORIST Nr. 1“ im Kunstverein Heidelberg, 3.5.-28.6.2009

Print Friendly, PDF & Email