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  • Jürgen Schilling „Strandbilder“, 2010

Detail: Die Flut, 2010, Öl auf Leinwand, 130 x 500 cm (2-teilig)

Das Berliner Künstlerduo RÖMER+RÖMER macht seit Jahren durch in gemeinsamer Arbeit geschaffene Gemälde auf sich aufmerksam, die sich vorrangig der Darstellung junger Menschen und deren Aktivitäten im urbanen politischen und privaten Raum widmen. Dabei beobachten und schildern sie vorzugsweise Szenen, die sich außerhalb des allgemeinen Bewusstseins manifestieren; festgehalten werden Momente am Rande von Demonstrationen, Umzügen und Konzerten, Auftritte von Musikern in Clubs und deren Publikum, Blicke auf Flohmärkte, Imbissbuden und Parks, auf deren Wiesen junge Leute grillen und sich amüsieren; Nina und Torsten Römer richten ihr Augenmerk gleichermaßen auf Konfrontationen, freudig-vitales Miteinander und stille Muße. Ihre auf Grund der Ausschnitthaftigkeit und spontanen Attitüde der Bilderzählung an Filmstills erinnernden Bilder handeln von den Befindlichkeiten und dem emotionalen Erleben ihrer eigenen Generation, wobei nicht von ungefähr der Einzelne in der Menge aufgeht.

Eine Vielzahl von Reisen ließ RÖMER+RÖMER ihr Repertoire erweitern und sich divergente Motivwelten erschließen, wie zuletzt eine Serie von Milieustudien zeigte, die auf Erfahrungen eines Aufenthaltes in Peking zurückgeht. Ihr neugieriges und unvoreingenommenes Interesse angesichts des Ungewohnten, Exotisch-Pittoresken, aber auch des Trivialen und nicht zuletzt die Begegnung mit Menschen anderer Kulturen, deren Habitus und Gestik ließ sie zur Kamera greifen und das sich vor ihren Augen abspielende Geschehen dokumentieren. Die später im Atelier vorgenommene Umsetzung in großformatige Gemälde verleiht den Momentfotografien eine neue Relevanz. Faszination angesichts eines überraschenden Geschehens in der Menge vermag ebenso auslösende Kraft für eine Bildentscheidung sein wie beiläufig erfasste Situationen in der Umgebung eines bedeutenden Monumentes. Nina und Torsten Römers Arbeitsmethode basiert auf einer steten Recherche, deren Ergebnisse archiviert und ständig erwogen, gefiltert und revidiert werden. Ist einmal ein ihnen darstellungswürdig erscheinendes Motiv gefunden, welches inhaltlich und formal ihrem Konzept entspricht, wird das entsprechende Digitalfoto am Computer bearbeitet und hinsichtlich der Rasterung und der Farbgebung, der Schärfe und der Dichte wiederholt überprüft und verändert, bis es ihren Vorstellungen genügt – Montagen werden nur in seltenen Fällen vorgenommen. Auch die Eignung des Motives für die Umsetzung in ein blow up- Format will überdacht sein, da – ähnlich wie die Komposition eines kleinen gemalten Bildes sich nicht problemlos auf ein größeres übertragen lässt. Erst dann erfolgt die Übertragung der Fotovorlage aus dem Fundus auf die Leinwand, wobei die Ölfarben – deren Anzahl im Bild zuvor festgelegt wird – nicht als geschlossene Schicht aufgetragen werden, sondern die Pixel des Digitalfotos mit pastosen Punkten und kurzen Strichen nachempfunden werden. Aus der unendlichen Anzahl nebeneinander gesetzter Farbflecken ergibt sich schließlich das endgültige Bild, dessen zu einem Farbgespinst verwobene Details aus der Nahsicht abstrakt erscheinen, da die einzelnen Farbsetzungen – sowohl was ihre eigene Gestalt betrifft wie auch im Zusammenwirken mit benachbarten Elementen – ein vitales Eigenleben entwickeln. Erst der die Details zusammenraffende Blick des Betrachters, der das jeweilige Gemälde aus einiger Entfernung wahrnimmt, fügt die kleinteiligen Einzelformen zu einer optischen Einheit. Die Anwendung dieser divisionistischen – nicht pointillistischen – Technik bewirkt, dass man angesichts der Oberflächengestaltung der von RÖMER + RÖMER geschaffenen Werke ein subtiles, flirrend-vibrierendes Schwingen zu verspüren meint. Eben weil die Maler in unmittelbarer Anlehnung an die Vorlage ihre Tupfen setzen, ergeben sich Abweichungen und Unregelmäßigkeiten, die am ursprünglichen Wahrheitsgehalt des Fotos zweifeln lassen – soweit man nach der redigierten Transformation noch von einem solchen sprechen kann. „Die digitale Fotografie fasst, vor allem in dem JPG-Modus, komprimierend visuelle Informationen zusammen und hat eine bestimmte, veränderbare Auflösung in Pixeln. Diese Eigenart wollen wir in unserer Malerei betonend hervorheben. […] Bei unserem Umgang mit dem Medium handelt es sich eher um eine Reflexion über die neuen Aspekte, die die digitale Fotografie mit sich bringt und die Fotografie damit bereichert und die wir, davon inspiriert, in die Malerei einbringen wollen.“ (Nina und Torsten Römer) Die vielfache Vergrößerung offenbart Details, welche von verschiedenen durch das digitale Material bedingten Verfremdungen herrühren. Nina Römer erwähnt als Beispiel jene als Artefakte bezeichneten geringfügigen Informationsverluste, die – besonders in der Vergrößerung – Farbstiche oder einen Moiréeffekt zur Folge haben, deren Wirkung letztlich übernommen wird und das Resultat beeinflusst; ebenso wie gewisse Unschärfen und gelegentliche Straffungen der Binnenstruktur intensivieren sie die malerische Atmosphäre der vermittelten Bildinhalte, überlagern die Gegenstandsgrenzen und reduzieren die Bedeutung der vorgeblich neutralen, authentischen Vorgabe des Fotomediums nachhaltig.

Das Vorgehen der beiden Künstler, zunächst Eindrücke zu diversen Erscheinungsformen ihrer persönlichen Gegenwart aufzunehmen, sie zu speichern und dann zu fixieren, entspricht jenen Vorstellungen, die um 1863 Charles Baudelaire in seinem bis in unsere Zeit einflussreichen Essay über den Maler des modernen Lebens formulierte: „Für den vollendeten Flaneur, den leidenschaftlichen Beobachter ist es ein ungeheurer Genuss, Aufenthalt zu nehmen in der Vielzahl, in dem Wogenden, in der Bewegung, in dem Flüchtigen und Unendlichen […]. [Er] wird überall der letzte sein, wo das Licht noch leuchtet, die Poesie noch erklingt, das Leben wimmelt, Musik ertönt: überall, wo eine Leidenschaft sein Auge fesseln kann, überall, wo der natürliche Mensch und der Mensch der Konvention sich in bizarrer Schönheit zeigen […]. Für ihn geht es darum, der Mode das abzugewinnen, was sie im Vorübergehenden an Poetischem enthält, aus dem Vergänglichen das Ewige herauszuziehen.“ Baudelaire betrachtete es als dringende Aufgabe des Künstlers, aus der Kommunikation mit dem eigenen zeitgenössischen Umfeld gewonnene Eindrücke durch einen kreativen Akt künstlerischer Gestaltung festzuhalten, ein Anliegen, das dem bildnerischen Denken Nina und Torsten Römers entspricht, das jegliches Inszenieren, Posieren und alle Statik ausschließt. Reale, unspektakuläre Vorgänge werden – vergleichbar der Genremalerei seit dem 17. Jahrhundert – dokumentarisch erfasst und subjektiv interpretiert, wobei der eigenständige Begriff des Genre keineswegs als Darstellungsform einer verklärten bürgerlichen Innerlichkeit begriffen sein will, sondern im Sinne einer unsentimentalen, pathosfreien und weitgehend undramatischen Figurenmalerei. „Das Mitleben stellt sich am leichtesten ein, wenn ein unmerklich vorübergehender bescheidener Moment dargestellt wird, der sich kaum über einen bloßen Zustand erhebt. Der Gegensatz von dramatischer Malerei und Existenzmalerei in seiner ganzen prinzipiellen Schärfe ist hier aber nicht zu betonen; das Genre liegt oft auf der Grenze von beiden“ (Jakob Burckhardt in seiner Schrift Über die niederländische Malerei).

Nun haben RÖMER+RÖMER einen neuen Schauplatz für ihre Gruppenbilder hinzugefügt, die sich in mancher Hinsicht von früheren Werken unterscheiden. Während einer Reise durch Korea gelangten sie an die Küste des Ostmeeres, welches von den Koreanern auch als Meer der Freundschaft und den Anrainern an der gegenüberliegenden Küste als Japanisches Meer bezeichnetet wird. Am kilometerlangen Stadtstrand der Hafenstadt Busan beobachteten sie das Strandleben und fotografierten Gruppen von Schulmädchen und Teenagern, die sich im anbrandenden Meer bewegen. Erstaunlicherweise sind diese jungen Leute fast ausnahmslos völlig bekleidet; sie tragen ihre Schuluniformen oder modische Jeans und kurzärmlige T-Shirts, was dafür sprechen könnte, dass sie eine Pause im Unterricht oder am Arbeitsplatz nutzen, keine Badekleidung zur Hand haben oder vielleicht nicht schwimmen können und sich daher nur wenige Meter ins Wasser hinein trauen – wenn man ihnen keine Prüderie unterstellen oder Auflagen von Seiten ihrer Erzieher vermuten will. Das Verhalten der Mädchen und Jungen unterscheidet sich deutlich: während die Mädchen eher überrascht, scheu und unsicher ins Wasser schreiten und sich dabei an den Händen halten, vermittelt die Begegnung mit dem Meer den jungen Koreanern offensichtlich unverstellte Freude; ausgelassen ringen sie miteinander und bilden übermütig und aller Zwänge ledig Pyramiden für Reiterspiele. Die Folge von Gemälden, welche auf den in Korea aufgenommenen Überraschungsfotos basieren, zeigen ausschnitthaft die jungen Leute vorwiegend von hinten, vom Strand her, was das ungezwungene Verhalten der Fotografierten erklären könnte. Auffällig ist, dass die Konturierung einzelner Binnenformen verstärkt wurde und sich somit die Körper verstärkt vom Hintergrund abheben und die Palette toniger erscheint. Das soziale Umfeld des Strandvergnügens bleibt ausgeklammert – wenn man von einigen nahebei dümpelnden Motoryachten und der auf einer Szene sich abzeichnende Silhouette naher Hochhäuser absieht. Die weite Kulisse des Ufers und des Meeres unter einem emotionslosen Himmel geben RÖMER+RÖMER, die sich schon bei manchen früheren Bildern als ebenso begeisterte wie virtuose Maler des Wassers zeigten, Gelegenheit, landschaftlichen Aspekten zunehmende Bedeutung beizumessen. Das licht durchflutete Ambiente, in dem sich ihre Protagonisten bewegen, verlockt zu raffinierten Spielen mit Texturen, immateriellen Lichteffekten und Farbflächenstrukturen. Man verfolgt das Ausrollen der Wellen am sandigen Gestade, wo die Gischt zerstäubt und blickt auf die nur von einigen spektakulären Felsformationen oder einem fernen Leuchtturm unterbrochene scheinbare Unendlichkeit eines Meeres. Dass eine solche suggestive Aussicht heute allerdings nicht ausschließlich positive Gedanken aufkommen lassen muss, heben auch RÖMER+RÖMER im Gespräch hervor, die dieses Sujet nicht zuletzt deshalb wählten, weil sie die Nachrichten über Umweltverschmutzung und Klimaerwärmung alarmieren, zu deren Folge in absehbarer Zeit ein Anstieg des Meeresspiegels gehören wird. Vor diesem Hintergrund stellt sich der Zugriff auf das Strand-Motiv nicht zuletzt als Fixierung einer Erinnerung an eine Idylle dar, die verloren zu gehen droht. Stets fühlten sich Maler und Schriftsteller vom Mythos und der sehnsuchtsvoll bewunderten Schönheit des Meeres ebenso angezogen wie von seinen bedrohlichen Aspekten und jeder von ihnen sah und beschrieb es auf unterschiedliche Weise. Als lebensspendend und unheimlich zugleich wird es über Jahrhunderte dargestellt, wobei seine Abbildung, wie Dieter Asmus schreibt, auf der Schwierigkeitsskala der Maler ganz oben steht: „Es ist ja von Natur aus nicht nur farblos, formlos und durchsichtig […]. Das Original ist in seiner Dreidimensionalität, Struktur, Bewegung, Farbe, in seinem Geruch, Geräusch, seiner Haptizität und Stofflichkeit, kurz: in seiner Einzigartigkeit ohnehin weder zu erreichen noch jemals zu toppen. […] Durch die Fixierung des beweglichen Strahls wird die Zeit stillgelegt, nicht imitiert, in ihrer Negation aber überhaupt erst deutlich spürbar.“

Vergleicht man die Badebilder von RÖMER+RÖMER mit dem thematisch verwandten, spielende Roma-Mädchen an der Küste der Camargue zeigende Strandgemälde Saintes Maries de la Mer III, welches der Schweizer Hyperrealist Franz Gertsch 1972 malte – dessen Bildnisse der Rockmusikerin Patti Smith mit denen der Rockmusiker des Berliner Künstlerduos ebenfalls zur Gegenüberstellung einladen – wird der Unterschied in der malerischen Auffassung der Römers mit jener der Fotorealisten deutlich. Ihnen gemeinsam ist die Umsetzung des Sujets ins überdimensionale Format (wodurch selbst Details großflächig erscheinen), die Abhängigkeit der Darstellung von der selbst erstellten Fotografie und als Resultat eine – aus der Fern- und Nahsicht gleichermaßen überzeugende – reine Malerei. Während Gertsch jedoch die im Diapositiv enthaltenen wirklichkeitsgetreuen Informationen und die der Projektion geschuldeten Lichtpartikel minutiös in all ihrer Intensität mit dem Pinsel auf dem ungrundierten Bildträger nachbildete und dieses Tun als energetischen Prozess betrachtete, profitieren RÖMER + RÖMER bei ihrem Abbildungsverfahren von den technischen Eigenheiten ihres Ausgangsmediums, um zu Lösungen zu gelangen, wobei es ebenfalls um eine unmittelbare Annäherung an die Realität und die Problematik ihrer Wahrnehmung geht, ohne dass auf Eingriffe in die Farbfleckenstruktur verzichtet würde. Sie setzen auf Manipulationen und Interventionen, welche die Faktur und das Farbgefüge zunächst im Ganzen und schließlich im Detail verändern, so dass selbst solche Stellen auf der Leinwand, welche die Farbe nicht überlagert, zu Malerei werden.

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