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  • Marcus Meyer „Vor dem großen Auftritt, Römer + Römer haben Rios Karneval neu entdeckt“, 2013

Detail: Baianas von Mangueira im Andenken an Ciata D’Oxuns Orixá Feierlichkeiten, 2013, Öl auf Leinwand, 180 x 400 cm, (2-teilig)

Nina und Torsten Römer bilden das Künstlerpaar Römer + Römer, das sich in Deutschland und in aller Welt auf die Suche macht nach alternativen Gesellschaftsentwürfen, nach Momenten des Friedens und nach Visionen einer multikulturellen Gesellschaft. Ihre Motivsuche führte die Meisterschüler von A.R. Penck 2012 nach Sao Paulo, Salvador und Rio de Janeiro. Fündig geworden sind sie in der Stadt am Zuckerhut, im Herzen des Brasilianischen Karnevals. Nachdem Römer + Römer gerade eine Einzelausstellung in Peking eröffnet haben, sind ihre neuen Werke nun ab dem 7. September in der Galerie Michael Schultz in Berlin Charlottenburg zu sehen.

Zu Beginn ihres gemeinsamen Schaffens thematisierten Nina und Torsten Römer in Malerei und Performance die negativen Auswüchse unserer Gesellschaft. In ihren Serien „Infinite Justice“ und „Eurocard“ entfremdeten und hinterfragten sie die Symbole von Kommerz und Krieg. Spätestens mit ihrem monumentalen Projekt „Paradies“ hat sich das Künstlerpaar in der Berliner Kunstszene einen festen Platz erkämpft. 2003 führten sie als treibende Kraft des internationalen Kunstprojekts M°A°I°S weit über 200 Kreative für diese Ausstellung im bis dahin fast vergessenen Bunker unter dem Berliner Alexanderplatz zusammen. In der beklemmenden Unterwelt des geschichtsträchtigen Ortes entstand eine Vielfalt künstlerischer Assoziationen, Deutungen und Abwandlungen des paradiesischen Heilsversprechens. Schon in diesem Projekt deutete sich eine Wende im Schaffen von Römer + Römer an. Mit ihrer „Deutsch-russischen Knutschperformance“ wandte sich das Berliner Paar alternativen, bereits heute gelebten Gegenentwürfen zu einer von Macht und Gewalt beherrschten Gesellschaft zu. Israel, Südkorea oder Russland – Lebensmittelpunkt und Reisen ermöglichen ihnen den unmittelbaren Blick auf Subkulturen inmitten der Metropolen der Welt. In der pulsierenden Szene von Berlin, den Gassen von Jerusalem und in der Jugendkultur Seouls fanden sie auf Konzerten, Demonstrationen oder auch in Alltagssituationen emanzipatorische Gegenentwürfe, Klassen-überwindende Mikrokosmen und stille Momente der Freiheit. Es sind die positiven Impulse der Gesellschaft, die Römer + Römer nun interessieren: „Das sind die zwei Seiten einer Medaille. Man kann das Negative anprangern oder das Positive als Kontrast hervorheben. Wenn wir zum Beispiel im Karneval einen Moment fokussieren, in dem sich die multikulturelle Gesellschaft für eine Zeit verwirklicht, kritisieren wir gleichzeitig eine Gesellschaft, in deren Alltag das bestenfalls die Ausnahme ist.“

Für Ihre Recherchen flogen Römer + Römer Anfang 2012 nach Brasilien. Der Zeitpunkt des Karnevals war bereits bewusst gewählt, die Entscheidung über die Motive ihrer Bilderserie trafen sie erst nach der Reise: „Wir haben Alltagsszenen und Stadtlandschaften beobachtet. Wir waren an Stränden, auf den Hügeln Rios und haben schließlich den Karneval an den verschiedensten Orten und Stadtvierteln gesehen“.

Die „Concentração“

Der Karneval zog die Künstler in seinen Bann. Die Nächte waren durchdrungen mit den Klängen der „Funky Carioca“, die aus den Favelas die ganze Stadt erfüllten. Auf ihren Streifzügen entdeckten sie die bunte und ausgelassene Vielfalt des Ereignisses. Als Motive für ihre Bilderserie haben sich Römer + Römer aber weder für den Straßenkarneval mit seinen kleineren Veranstaltungen, noch für den großen Auftritt der Sambaschulen vor den gefüllten Tribünen des weltbekannten Sambódromo entschieden. Ihre Bilder fangen die Vorbereitung auf den großen Auftritt im Sambódromo, die sogenannte „Concentração“ ein. Abseits der grellen Scheinwerfer finden sich die Tänzer in einem Spiel aus Licht und Schatten, das der Farbenpracht der Kostüme eine mystische Ausstrahlung verleiht. Durch Kostümmotive der indianischen Kultur, aus der Sklaverei und dem barocken Kolonialismus bilden die verschiedenen Sambaschulen ein berauschendes Kaleidoskop der brasilianischen Gesellschaft und Geschichte. Bewusst wurden zum Teil Bildausschnitte gewählt, in denen die kostümierten Tänzer vor dem Hintergrund der Stadt zu sehen sind. Die „Traumwelt“ des Karnevals ist so in der Gegenwart der brasilianischen Metropole platziert. Römer + Römer erfuhren, dass sich die meisten Teilnehmer der Sambagruppen tatsächlich zu großen Teilen aus den Favelas, den armen Bezirken der Metropole, rekrutieren. Aber sie erlebten die Vorbereitung auf den großen Auftritt nicht nur als eine Begegnung von Arm und Reich und als Überwindung von Rassengrenzen. Die Künstler selbst konnten dort an diesem Zusammentreffen teilhaben: „In der „Concentração“ konnte man den Teilnehmern der Sambagruppen aus der Nähe begegnen. Es herrschte dort ein elektrisierende Stimmung. Die Anspannung vor dem Auftritt und zugleich die Vorfreude darauf waren unmittelbar zu spüren“.

Die Menschen erscheinen in den großformatigen Bildern oft nur noch als Schattenrisse, die von einer bunt-glitzernden Aura von Federn und Stoff umhüllt sind. Gesichter lösen sich inmitten barocker Prachtkostüme auf und verschmelzen mit den Stoffbergen zu einer Fläche: „Wir haben Licht und Farbe noch nie so intensiv, wie bei dieser Serie, thematisiert“. Verstärkt werden die Effekte durch die spezifische Bildästhetik des Künstlerpaars, einem kontrastreichen Spiel aus Punkten und Flächen, das beide aber nicht als impressionistisch oder pointillistisch missdeutet wissen wollen. Die Bilder bauen sich aus einzelnen Farbwerten auf. Größere Flächen werden immer detaillierter mit sehr vielen einzelnen Punkten kombiniert. Farbübergänge gibt es nicht: „Was aber ähnlich zum Impressionismus ist, dass sich aus der Fernsicht die einzelnen Punkte wieder zu neuen Farbwerten zusammenfügen“. Beeinflusst ist der Stil stattdessen maßgeblich durch Bildeffekte moderner digitaler Medien.

Verpixelung, Bildrauschen und größere schwarze Flächen, werden aufgegriffen und als bewusste Stilmitteln eingesetzt, um Stimmungen einzufangen. Dabei sind die Bilder weder arrangiert noch inszeniert. Römer + Römer arbeiten nach eigenen Fotografien und wollen in der Rolle der Beobachter bleiben. Wird die Kamera entdeckt, wird für ein Foto bewusst posiert, ist die Aufnahme für den weiteren künstlerischen Prozess verloren.

Begeistert zeigte sich das Künstlerpaar von der thematischen Vielfalt der Karnevalsgruppen mit der Darstellung von Geschichte, Kultur und insbesondere der Kolonialzeit Brasiliens. Ein Stück weit scheinen sich das Künstlerpaar in das Land am Zuckerhut verliebt zu haben. So ist es ein schöner Zufall, dass just am Tag der Ausstellungseröffnung in der Galerie Michael Schultz Brasilien seinen Unabhängigkeitstag feiert. Als Künstler werden Römer + Römer nach Brasilien zurückkehren, wenn im September 2014 ihre Einzelausstellung im Museum MuBE in Sao Paulo stattfindet, kuratiert von Tereza de Arruda, die auch den einführenden Text für den Katalog der Berliner Ausstellung verfasst hat.

 

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