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  • Martina Pohn „Römer + Römer – House of Enlightenment“, 2019

Das in Berlin lebende Künstlerehepaar Torsten und Nina Römer, bekannt als Römer + Römer, lernte sich an der Kunstakademie in Düsseldorf kennen, wo sie beide Meisterschüler des bekannten Malers, Grafikers und Bildhauers A. R. Penck (1939–2017) waren. Seit 1998 arbeiten sie immer gemeinsam an der Umsetzung ihrer Kunstprojekte. Mittlerweile sind Römer + Römer für ihre eigenständige und unverkennbare Position im Bereich der Malerei international bekannt. Die Entwicklung ihrer eigenen Formensprache ist zum Markenzeichen geworden, wobei ihr künstlerischer Ansatz digitale Fotografie und Malerei vereint. Als Grundlage für ihre Werke dienen ihnen ihre Fotografien, die auf Reisen zu verschiedenen Festivals entstehen. Diese werden am Computer in vielen Arbeitsschritten nachbearbeitet und   Bildausschnitte werden analysiert. Ausgehend davon möchte das Paar den Visualisierungsschub des 21. Jahrhunderts und der multimedialen Welt, von Fotografie über Video bis hin zum Internet, verdeutlichen.

Was zuallererst an den großformatigen Arbeiten des Künstlerpaares auffällt, ist die extreme Nähe zu den dargestellten Szenen. Links und rechts an der Leinwand wird mit identen Pinseln begonnen. In vielen übereinander gemalten Schichten entsteht jedes einzelne Bild. Dieses Verfahren nimmt etliche Stunden in Anspruch, in denen Römer + Römer hoch konzentriert und mit viel Akribie arbeiten. Zuerst werden großflächige Untermalungen aufgetragen, zum Schluss malen beide immer detaillierter; Punkt um Punkt, Pixel um Pixel werden ergänzt. Treten Betrachter_innen nah an die großformatigen Tafelbilder heran und entfernen sich dann wieder von ihnen, haben sie das Gefühl, Zoomen mit freiem Auge zu erfahren, wodurch sie diese Arbeitsweise direkt und nachvollziehbar erleben.

Seit 2008 untersucht das Künstlerpaar auf seinen Reisen gesellschaftliche und kulturelle Kontexte in Bezug auf die rasante globalisierte und digitalisierte Welt und den ambivalenten Wunsch der Gesellschaft, unkonventionelle Lebensweisen in temporären Parallelwelten zu erleben. Auch politische Zusammenkünfte, etwa Demonstrationen, waren Bildthemen.

Für die beiden gezeigten Serien der Salzburger Ausstellung House of Enlightenment, für die mehr als 20 Gemälde ausgewählt wurden, hat sich das Paar von zwei kulturellen Großereignissen inspirieren lassen: dem Fusion Festival und dem Burning Man Festival.

Das 1997 initiierte Fusion Festival, auch kyrillisch als ‚ФУЗИОН‘ geschrieben, zieht seit einigen Jahren knapp 70.000 Besucher_innen an. Die Devise des Festivals lautet „vier Tage Ferienkommunismus“ auf einem stillgelegten sowjetischen Militärflugplatz in Mecklenburg-Vorpommern. Das Großereignis ist in erster Linie ein Musikfestival, das aber auch Raum für andere kulturelle Aspekte wie Performance, Tanz, Theater, Kino, Lesungen, Light Design oder politische Veranstaltungen bietet. Gesellschaftliche Grenzen, Vorgaben und Selbstbestimmungsvorstellungen werden ausgelotet. Ihre Recherchen führten Nina und Torsten Römer zuletzt im Juni 2019, zum sechsten Mal in Folge, auf das Festival. Entstanden sind Arbeiten, die das Milieu, die soziale Umgebung, den kollektiven Gedanken, aber auch den herrschenden Ausnahmezustand der Veranstaltung festhalten. Immer nehmen die beiden ihre persönlichen Eindrücke auf und formen ein Abbild der Emotionen, die in der Öffentlichkeit entstehen. Die Bildthematiken geben die Atmosphäre der Parallelgesellschaft am fünftägigen Festival wieder. Zwei Bilder der Serie fangen all die unterschiedlichen genannten Aspekte ein: Luftschloss(2016) und Chill Out zur Geisterstunde (2015). Während im ersten Bild die Teilnehmenden vor einer Kuppel, die die Partynacht erleuchtet, tanzen und feiern, lehnt im zweiten ein ruhender Mann am rechten unteren Bildrand an einer Art Mauervorsprung. Die Komposition baut Spannung auf: Drei Viertel der Leinwand sind durch Lampen und bunte Lichter erleuchtet, während der linke untere Bereich langsam ins Dunkel der Nacht getaucht wird und mit dem gold-orangen Glimmer der beleuchteten Bereiche allmählich verschwimmt.

In der Wüste des US-amerikanischen Bundesstaates Nevada findet hingegen schon seit 1990 jeden Sommer das Burning Man Festival statt. Mittlerweile pilgern ebenfalls fast 70.000 Besucher_innen auf das Event. Sie bereichern das Spektakel für eine Woche durch Kunstinstallationen, Performances, Aktionen, Konzerte, Rituale, durch ihre persönlichen Ideen oder teils ephemere und technologisch ausgeklügelte Skulpturen und Art Cars. Das Kunstfestival nimmt durch viele Tendenzen und Ansätze den Gedanken von Fluxus, Happening oder Land Art auf. Kunstströmungen, die sich in den USA der 1960er und 1970er Jahre durch technischen Fortschritt und Wirtschaftswachstum gut entwickeln konnten. Die Festivalgemeinschaft übersetzt ihre Vorstellungen und Wünsche in eine globale und futuristisch-utopische Kunstsprache des 21. Jahrhunderts. Dies geschieht durch Mittel des technologischen Fortschrittes, durch Kreativität und auch durch Selbstinszenierung.

Alle Gemälde der Serie Burning Man thematisieren die wahrgenommenen Eindrücke von Römer + Römer während ihrer Teilnahme am Festival 2017. Nachts verwandelt sich die Wüstenlandschaft in eine Scheinwelt, die durch hunderte Lichtquellen, Licht-Installationen und Feuer erhellt wird. Das Lichtermeer hat Römer + Römer eindrücklich inspiriert. Die Darstellung der eingefangenen Momente, von Menschen behangen mit Lichterketten, Gefährte, die mit Leuchtdioden über und über verziert sind, passen eindeutig zu der pixelartigen Maltechnik des Paares.

Das für die Ausstellung titelgebende Bild House of Enlightenment (2018) besticht durch Farbe, Bewegung und das Spiel des Lichts. Römer + Römer fangen die ‚spacige‘ Atmosphäre des nächtlichen Spektakels ein. In der Mitte des runden Gemäldes mit 120 cm Durchmesser, ist eine ufo-artige Installation zu sehen. Das sogenannte ‚House of Enlightenment‘, eine ca. fünf Meter hohe, leuchtende Skulptur, ist in der Mitte des Tondo dargestellt. Die Leuchtdioden der Skulptur können durch die Teilnehmenden des Festivals gesteuert werden. Römer + Römer interessierten auch die interaktiven und partizipatorischen Aspekte der einzelnen Skulpturen. Entstanden sind weitere faszinierende Nachtstücke, wie die Arbeiten mit dem schlichten Titel (2018) oder LED Bus (2018), die Lichtquellen der künstlichen und futuristischen Welt des Burning Man Festivals zeigen. Das quadratische Gemälde Art Car Skeleton (2018) zeigt eines der vielen Art Cars, die mit Liebe zum Detail gestaltet werden. Das Heck des avantgardistischen Fahrzeugs, das an ein Raumschiff oder eine Rakete aus einer Science-Fiction-Serie erinnert, nimmt das Zentrum des Bildes ein.

Die Arbeit Moon Landing Biker (2018), die insgesamt sechs Meter breit und 2,30 Meter hoch ist, besteht aus zwei Leinwänden. Das Gemälde überzeugt durch seine Dynamik in Bezug auf den Kompositionsaufbau. Ausgehend vom zentralen blauen Strahlenkranz der Lasershow am nächtlichen Himmel, wird die mittlere horizontale Ebene von einem Dancefloor mit DJ und der tanzenden Menschenmenge eingenommen. Im Vordergrund der Szenerie, am unteren Bildrand, bewegt sich ein Fahrradfahrer schon fast aus dem Bild heraus. Das dreirädrige Fahrrad mit der amerikanischen Flagge ist Hauptmotiv der Komposition. Denn auch Fahrräder sind auf dem Festival aufwändig gestaltet, sind selbst schon kleine Skulpturen für sich, meist ebenfalls mit Lampen und Lichterketten ausgestattet.

Mit viel Hingabe und Akribie malen Römer + Römer ihre Gemälde, die auch von unterschiedlichen Perspektivwechseln erzählen. Das Künstlerpaar hat durch seine speziellen malerischen Kompositionen eine eigene Handschrift entwickelt. Emotion wird durch die Farbgebung vermittelt, ihre Gemälde sind dadurch sinnlich erfassbar. Durch das Übertragen von Fotografien in einen sogenannten ‚Pixel-Style‘, handeln sie heutige Wahrnehmungsweisen ab und loten die Möglichkeiten der Malerei aus. Ihre Werke vermitteln das Gefühl kollektiver Ausnahmezustände. Römer + Römer sind Historienmaler unseres digitalen Zeitalters sowie unserer überbordenden Eventkultur, indem sie Szenen des zeitgenössischen Lebens in das Format des klassischen Tafelbildes übertragen und so ihren unverkennbaren Beitrag zum Thema der Kunst als Projektionsraum von Utopien und Gesellschaftsmodellen leisten. Sie konzentrieren die wichtigsten Aspekte von kulturellen Ereignissen auf einen besonderen Moment. Die Geschichten der Bilder erzählen uns von subkulturellen Großereignissen und utopischen Veranstaltungen, von Gemeinschaftsgefühl und dem Wunsch nach Freiheit.

 

Martina Pohn, Juni 2019

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