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  • Rachel Bowditch „Die Republik der Vorstellungskraft: Burning Man, Utopie und die Kultur radikaler Selbstentfaltung“, 2019

Detail: Rabid Transit, 2017, Öl und Acryl auf Leinwand, 230 x 300 cm

In der Glut des „Man“, einer riesigen Holzstatue, zu sitzen; die Hitze fühlen und die Energie, mit der die Erde glimmt, wenn die blutrote Sonne über der Playa aufgeht; die Weite der Wüste – unendlich; kein Ende in Sicht. Die „Deep Playa“, wie das unter den „Burnern“, den Besucherinnen und Besuchern des Festivals, heißt, erstreckt sich bis zum Horizont. Man sieht keine Grenzzäune. Ein goldenes, fast pinkes Licht flutet die Wüstenlandschaft und leuchtet auf den Gesichtern tausender Burner, die nach einer langen, durchfeierten Nacht immer noch durch die Wüste streifen. Fallschirmspringer landen in der Stadt. Alle haben sich als ihr eigener Wüsten-Avatar verkleidet, zusätzlich bedeckt von einer dünnen Schicht Playa- Staub. Falscher Pelz, Hörner, Federn, Brillen, Plateauschuhe, flauschige Hotpants, abgetragenes Leder und alles, was man sich vorstellen kann: verwittert und staubig, als zögen diese Gestalten schon seit tausend Jahren durch die Wüste. Der pumpende Bass von Robot Heart oder Mayan Warrior, Trommeln, Glocken, Sitar – all das pulsiert noch durch die Morgenluft. Menschen wandern umher, meditieren, tanzen, singen, schlafen oder wachen gerade auf. Sie begrüßen die Sonne. Wer sich einmal im Kreis dreht, dem bietet sich ein Panorama sondergleichen dar: unzählige Leute, überdimensionierte Kunstinstallationen und Art Cars in jeder Himmelsrichtung und soweit das Auge reicht. Kein Anfang, keine Mitte, kein Ende – einfach nur: gewaltiger Raum, ein Meer aus Körpern. Letzte Nacht fanden sich tausende Teilnehmende in konzentrischen Kreisen ein, um zuzusehen, wie der „Man“ abgefackelt wird. Willkommen bei Burning Man!

Geschichte

Was 1986 ganz bescheiden als ein persönliches Heilungsritual begann, das Larry Harvey (1948–2018) mit zwanzig Teilnehmenden am Baker Beach in San Francisco organisierte, hat sich heute zu einem Kulturphänomen epischer Größe entwickelt, mit diversen Ritualen, bildender Kunst und Performance. Jedes Jahr zieht es immer in der Woche vor dem Labor Day etwa 70.000 Menschen in die Salztonebene des eiszeitlichen Lake Lahontan in der Black Rock Desert im Nordwesten von Nevada. Dort errichten sie ihre eigene, abgeschiedene Welt: „Black Rock City“. Die Playa, ein riesiger Strand ohne jegliche Vegetation, ist eine der größten Salztonebenen der Vereinigten Staaten. Black Rock City funktioniert wie eine echte Stadt, komplett mit Straßenschildern, Straßen, Themenparks, eigenen Ortsteilen und hunderten von riesigen interaktiven Kunstinstallationen; dazu kommen ein Tempel und ein Flughafen, Hunderte von Art Cars und unzählige geplante oder spontane Performances.

In der Mitte von Black Rock City befindet sich auf einem Altar eine etwa zwölf Meter hohe Statue eines Menschen – der Mittelpunkt der Welt für die Burning-Man-Community. Rundherum entfalten sich das gesellschaftliche Leben, die Kunst und die Performances. „The Man“ steht am Ende eines gigantischen, von spitzen hölzernen Pfeilern gesäumten Boulevards. Von der Figur in der Mitte verlaufen schnurgerade wie auf einem Ziffernblatt Straßen gleichmäßig von zwei bis zehn Uhr und bilden so etwas wie eine gigantische Sonnenuhr. Seinen Höhepunkt findet das gesamte Event Samstagnacht mit der rituellen Verbrennung des „Man“. Am Sonntag wird schließlich der hölzerne Tempel verbrannt.

Genauso schnell wie Black Rock City entstanden ist, verschwindet die Stadt nach nur einer intensiven Woche wieder. Wichtiger Schlusspunkt: die komplette Säuberung der Wüste. Alle Spuren dieser flüchtigen, temporären Stadt werden getilgt. Black Rock City lebt nur in Fotografien, Videos, Texten, Erzählungen und Erinnerungen fort. In den Monaten, in denen die Stadt nichts weiter als dieses Phantom ist, wird die Burning-Man-Community in den USA und im Rest der Welt in einem Netzwerk namens „Burning Man Regional Network“ ¹ am Leben gehalten.

2017 wurde in Black Rock City eine Umfrage durchgeführt. Von 69.493 Festivalteilnehmern gaben 9168 Auskunft. Die Ergebnisse lassen folgende demografische Rückschlüsse zu: 58% der Teilnehmer waren männlich, 40,4% weiblich, 1,6% bezeichneten sich als „genderfluid“; 43,3% verfügten über einen Bachelor, 30,3% über einen Master; 66,6% der Bevölkerung von Black Rock City gab an, heterosexuell zu sein, 11% bi-interessiert, 10% bisexuell, 8,5% schwul/lesbisch, 0,8% transgender oder transsexuell, 2,7% nichtbinär, 4,4% bezeichneten sich als nichtkonform und 1,6% als nicht festgelegt. Das Durchschnittsalter lag bei 34 Jahren, mit einer Spannbreite von sechs Monaten bis 80 Jahren. Das mittlere Einkommen bewegte sich zwischen 60.700 und 90.000 US-Dollar. Burning Man ist über weite Strecken eine weiße Veranstaltung: 77,1% gaben an, weiß zu sein, 9,3% von gemischter Abstammung, 5,6% Asiaten, 4,9% Latinos oder Hispanics, 1% Afroamerikaner und 0,5% Indigene. ² Auffällig ist der Anstieg internationaler Teilnehmender aus der ganzen Welt – Dänemark, Deutschland, Schweden, Niederlande, Frankreich, Russland, China, Kanada, Brasilien, Chile, Peru und Südafrika. Das Festival hat inzwischen eindeutig eine globale Reichweite.

Culture Jamming

Als gegenkulturelles Phänomen, das seinen Ursprung in der San Francisco Bay Area in Kalifornien hat, begreift sich Burning Man als generativer Raum, in dem alternative Lebensstile und Identitäten ausprobiert werden können. ³ Keith Melville berichtete 1972 in Communes in the Counter-Culture, wie sich damals kleine Gemeinschaften auf die Suche nach neuen Lebensweisen jenseits des Mainstreams begeben hatten. Man kann aus derartigen Bewegungen schließen, dass es ein Bedürfnis nach Vereinfachung und Dekommodifizierung gibt, ebenso danach, Kultur mit den Mitteln von Pastiche, Collage und Assemblage wiederzuverwerten – kurz: das, was man „Culture Jamming“ (Melville 1972: S. 10) nennt. In den späten 1980er Jahren, vor dem Umzug in die Black Rock Desert, wurde eine Gruppe, die im Underground von San Francisco unter dem Namen Cacophony Society für Culture Jamming bekannt war, auf Burning Man aufmerksam. Sie sollte die Entwicklung, die Kultur und die zukünftige Ausrichtung des Festivals als Raum für radikale Selbstverwirklichung und subkulturelle Experimente entscheidend beeinflussen. Michael Mikel, ein Mitglied der Cacophony Society, tat sich mit Larry Harvey zusammen. Bis heute ist er Mitglied des Gründungskomitees. Burning Man belebte die Avantgarde-Ideale der 1960er und 70er Jahre neu. Ideale wie Gemeinschaft, Demokratie und Kollaboration bestimmen weiterhin die Agenda, nun mit der technologischen Ausrichtung des 21. Jahrhunderts. Als soziales gemeinschaftliches Experiment steht Burning Man in einem historischen Kontinuum zu den Ansätzen und Methoden von Institutionen wie dem Black Mountain College, von Fluxus, Happening, Environmental Theatre, Land Art oder auch des Judson Dance Theatre, ohne direkt mit diesen verknüpft zu sein. Burning Man nimmt diese Ansätze, öffnet sie und schafft neue Wege für Performance und interaktive Installationskunst. Das Festival erweitert die Grenzen des Möglichen – im Hinblick auf Reichweite, Größe, Ambition, Teilhabe und Innovation.

Technologie auf dem Burning

Man Michael Mikel hatte, als er bei Burning Man einstieg, bereits eine Karriere in der Tech-Industrie hinter sich. Ihm ist es zu verdanken, dass die Finanzmittel und die Innovationskraft des Silicon Valley bereits 1995 Teil der Struktur des Festivals wurden. Bis heute lässt sich dieser Einfluss überall auf der Playa beobachten – in den Hi-Tech-Soundsystemen und Lichtinstallationen, in den Projektionen und beim Einsatz von LED-Licht und Lasern, besonders bei Nacht. Künstler und Künstlerinnen arbeiten monatelang und geben tausende von Dollar aus, um ausgefeilte und radikale Installationen zu schaffen, für die sie neueste Technologien wie 3D-Laserdrucke, Computerprogramme und innovative Materialien einsetzen. Diese Installationen werden direkt in der Wüste zusammengebaut und dort nicht selten auch verbrannt. Burning Man hat die Art und Weise verändert, wie Künstlerinnen und Künstler ihre Arbeiten konzeptualisieren und konstruieren. Denn sie können und sollen hier großformatige Werke schaffen, die erfahrbar werden und mit denen man interagieren kann, die betretbar sind und die auch mal etwas härter angefasst werden können. Nicht zuletzt gibt es eine ganze Reihe von Stipendien, die die Burning-Man-Organisation zu einem der größten Kunstförderer Kaliforniens machen.

Nacht in Black Rock City

Es gibt nichts Vergleichbares zu den Nächten von Black Rock City – ein Zirkus aus LED, Neon und Laser, kombiniert mit dem Glühen unzähliger Feuerinstallationen und -performances: ein dreidimensionaler, knallbunter Bildteppich, soweit das Auge reicht, in jede Richtung. Burning Man ist weltweit einer der zentralen Orte für Feuerkünstlerinnen und -künstler und wurde damit zu einer wichtigen Anlaufstation für Leute, die Feuerinstallationen schaffen, Feuer spucken, Feuer schlucken oder mit ihm tanzen. Das Festival ist ganz buchstäblich ein „Brandbeschleuniger“ für solche riskanten Arbeiten, die in einem konventionellen Rahmen eher fehl am Platz wären. Crimson Rose, eines der Gründungsmitglieder von Burning Man und dessen kulturelle Botschafterin, koordiniert auf dem Event alles rund ums Feuer, darunter auch die Verbrennung des „Man“ wie des Tempels, aber eben auch die sogenannte „Fire Conclave“, die weltgrößte Gruppe von Feuerperformern, die rund um den „Man“ auftreten, bevor er verbrannt wird. Die Malereien von Römer+Römer zeigen die grenzüberschreitende Qualität der Nächte auf dem Burning Man 2017 – die gleißende Fusion von Feuer und künstlichem Licht, in der eine Gemeinschaft geschmiedet wird.

Communitas, Karneval und Flow

Eines der zentralen Gesetze von Black Rock City: Mitmachen – Zeit und Energie investieren, um mitzuhelfen, dass Kreativität und Spiel gedeihen können; ein Umfeld schaffen, in dem alle mitmachen können und aktiv teilnehmen. Die Grenzen zwischen Teilnehmenden, Performenden und Zuschauenden verschwimmen hier, Möglichkeiten für Interaktion, Partizipation und persönliche Transformation ergeben sich. Wer über die Schwelle von Black Rock City tritt, betritt eine moderne Version des Karnevals, wie von Bachtin beschrieben – eine multidimensionale Welt, in der die normalen Regeln der Gesellschaft für eine bestimmte Zeit transformiert und auf den Kopf stellt werden. Der Zwei-Welten-Modus des Karnevals fungiert als gesellschaftlicher Regulationsmechanismus, der es den Teilnehmenden ermöglicht, Freiheiten neu zu verhandeln und zu formulieren oder ihre wildesten Fantasien auszuleben, indem sie sich gleich ganz neu erfinden und neue Rollen für sich schaffen. Im Fall von Burning Man verwandelt sich ein dürres Stück Wüste nach einem ganzen Jahr der Vorbereitung und Planung für sieben Tage in eine wuselnde Stadt mit Straßen und Plätzen, die Raum für Performances bieten. Die wahrlich ozeanische Erfahrung der totalen Partizipation und der Zugehörigkeit zu einer zweiten Welt resultiert in einer „spontanen Communitas“, wie Victor Turner das 1969 genannt hat. Die Teilnehmenden erfahren, mit Mihaly Csikszentmihalyi ausgedrückt, „Flow“, eine notwendige Bedingung für die Communitas (Csikszentmihalyi 1985, S. 67). Und Black Rock City bildet den entsprechenden Hintergrund, vor dem bei einer Vielzahl transzendenter Aktivitäten sowohl Flow als auch Communitas erfahren werden können.

Am Rand von Utopia

Die Serie großformatiger Bilder von Römer+Römer, die in diesem Buch zu sehen sind, sind vom Burning Man inspiriert. Sie fangen den utopischen Geist und den karnevalistischen Kern dieses Wüstenfestivals ein – Momente der Communitas, in denen die Teilnehmenden in einem gemeinschaftlichen und transformativen Flow zusammenkommen. Diese utopischen Qualitäten in den Malereien spiegeln zudem wider, was Jill Dolan das „utopisch performative“ Moment nennt. Black Rock City erscheint vor diesem Hintergrund als gigantische utopische Leinwand. In Momenten der Communitas öffnet sich die gesamte Gemeinschaft gefühlsmäßig für neue Räume der Möglichkeit, der Hoffnung und des politischen Handelns (Dolan 2005, S. 477). Es sind just solche aufgeladenen Momente des performativen Aufeinandertreffens, in denen die Möglichkeit einer besseren Welt Gestalt annimmt. In Utopia in Performance: Finding Hope at the Theatre entwirft Dolan kein „reales“ Utopia, ⁴ sondern skizziert vielmehr, wie Utopia „affektiv vorgestellt oder dank bestimmter Gefühle erlebt werden kann – in ebenjenen kleinen, entscheidenden Momenten, wie Performance sie bereithalten kann“ (ebd., S. 459–460). Dolan argumentiert, dass Utopia nichts auf Dauer Gestelltes ist, sondern eher in fragmentarischen „utopischen Momenten“ geschieht; Momenten, wie sie sich oft in Performances einstellen. Diese Theorie erlaubt es uns, Festivals wie Burning Man als kurze, flüchtige utopische Momente zu begreifen, in denen eine Gemeinschaft eine ideale Welt aufführt. Als ephemere utopische Landschaft bietet Black Rock City einen wirkmächtigen Raum, in dem neue Formen von Ökonomie und Politik erprobt und ausagiert werden können.

Die Ökonomie der Gabe

Das zentrale Prinzip einer Ökonomie der Gabe – jede Form des Handels, der Werbung, des Kaufens oder Verkaufens (mit Ausnahme von Eis und Kaffee im Center Camp) ist in Black Rock City verboten – steht für das utopische Ideal einer vom Kommerz befreiten Welt. Harvey, der am 28. April 2018 starb, ließ sich für seine Vorstellung einer Ökonomie der Gabe von Lewis Hydes Buch Die Gabe (engl. 1983, dt. 2008) beeinflussen. Hyde unterscheidet zwischen einer Gabe und einem Warenaustausch, ⁵ und seiner Meinung nach etabliert eine Gabe eine permanente Verbindung zwischen zwei Menschen, wohingegen der Verkauf einer Ware nicht notwendigerweise in einer Verbindung resultiert (ebd., S. 87). Wird eine Gabe angeboten, ohne dass im Gegenzug etwas dafür erwartet wird, so schafft sie ein gemeinschaftliches Band. Hyde vergleicht es mit einem Fluss (ebd., S. 17). Wird der Fluss der Gabe indes unterbrochen, so wird auch die Kette der Ökonomie der Gabe unterbrochen. Harvey glaubte, dass es das Geben ist, das die Burning-Man-Community zusammenhält (Van Rhey 2002).

Burning Man gibt nicht vor, sich selbst dauerhaft tragen zu können. Das Festival feiert gerade seine Ephemeralität und sein Verschwinden als einen im Grunde radikalen Akt. Und wer weiß, vielleicht ist es ja gerade diese ihm innewohnende Flüchtigkeit, die dieses Experiment so erfolgreich werden ließ. Für Harvey hatte sich Burning Man längst über die Wüste hinaus ausgedehnt, ist es längst in die „normale“ Welt hineingewandert. Dort schafft und verändert es Gemeinschaften entscheidend – durch Kunst ebenso wie durch ein neues Verständnis von künstlerischer Gemeinschaft, Kooperation und bürgerlicher Verantwortung. Burning Man ist ein Ort für die Einübung und das Aufführen alternativer Modelle einer Welt, wie sie sein „soll“ – und dies innerhalb der Grenzen unserer tatsächlichen Welt. Oder, wie Harvey es 1999 ausdrückte: „Burning Man ist mehr als eine Veranstaltung. Es ist längst eine Bewegung.“

 

1 Für mehr Informationen zur Geschichte und Entwicklung von Burning Man, vgl. das erste Kapitel von Rachel Bowditch, On the Edge of Utopia: Performance and Ritual at Burning Man, 2010.

2 Diese Zahlen stammen aus der Black Rock City Census Population Analysis 2017.

3 „Counterculture“ als Konzept wurde zum ersten Mal 1969 von Theodore Roszak in The Making of a Counter-Culture beschrieben.Counterculture richtet sich gegen eine dominante Kultur, bietet aber stets auch eine aktive Alternative an.

4 Der Begriff „Utopia“ wurde 1516 von Sir Thomas More geschaffen. In seinem Werk Utopia setzte er zwei griechische Wörter zusammen: „topos“ (Ort) und „u“ (nein/nicht). „Utopia“ ließe sich also als „Nicht-Ort“ oder „Nirgendwo“ übersetzen. Seit den 1680er- Jahren waren besonders die Vereinigten Staaten ein Ort für die Gründung von hunderten von utopischen Communities, seien sie nun religiöser oder säkularer Art. Besonders an der Westküste gab es viele derartige Experimente. Burning Man, das am Baker Beach in San Francisco begann (und seit 1990 in der Black Rock Desert in Nevada stattfindet), ist ein paradigmatisches Beispiel einer utopischen kalifornischen Community. Der US-amerikanische Literaturwissenschaftler Louis Parrington weist darauf hin, dass viele der „Utopisten“ genannten Menschen im Grunde „Sozialplaner“ wären (Parrington 1964: 4–5). Auch der Gründer von Burning Man, Larry Harvey, könnte als Sozialplaner bezeichnet werden, als Architekt einer Community mit einer Vision für ein neues Gesellschaftsmodell. Harvey wollte, dass die Teilnehmenden des Burning Man mit dem Bewusstsein nach Hause zurückkehren, dass sie die „reale“ Welt in ihren Grundfesten verändern können, wenn sie die zehn Kerntugenden des Festivals auch in ihrem Alltag befolgen: radikale Offenheit, Schenken, Dekommodifizierung, radikaler Selbstbezug und Selbstausdruck, gemeinschaftliche Anstrengungen, Verantwortungsbewusstsein, keine Spuren hinterlassen, Teilnahme und Unmittelbarkeit.

5 Als ich Larry Harvey 2004 in einem Interview danach fragte, wie sich die Ökonomie der Gabe entwickelt hatte, sagte er, sie wäre organisch entstanden, ungeplant und ohne dazugehörige Theorie. Zu Beginn gab es sporadische Versuche, etwas zu verkaufen. Dies wurde jedoch schnell aufgegeben, da einfach niemand etwas kaufen wollte. Die Teilnehmenden kamen mit Verpflegung, Wasser und all den anderen Dingen, die man zum Leben braucht. Als die Veranstaltung größer wurde, wurde noch einmal versucht, kommerzielle Strukturen zu etablieren, aber auch diesmal funktionierte das nicht. 1997 begann die Black Rock City LLC schließlich, dieses Scheitern als etwas Positives zu begreifen und nahmen das Verbot von Handel in ihre Statuten auf. Die Ablehnung jeden Handels ging Hand in Hand mit der Übernahme einer Philosophie der Ökonomie der Gabe. Die einfache Entscheidung, jede Form des Handels zu verbannen, hatte einen zentralen Einfluss auf die Formierung und die Entwicklung der Kultur und des Ethos von Burning Man.

Verwendete Literatur

Bakhtin, M. M., Rabelais und seine Welt. Volkskultur als Gegenkultur, Frankfurt/Main: Suhrkamp Verlag, 1995.
Bowditch, Rachel, On the Edge of Utopia: Performance and Ritual at Burning Man, London: Seagull Books, 2010.
Csikszentmihalyi, Mihaly, Das flow-Erlebnis. Jenseits von Angst und Langeweile: Im Tun aufgehen, Stuttgart: Klett-Cotta, 1985 (engl. 1975).
DeVaul, D. L., Beaulieu-Prévost, D., Heller, S. M., und das 2017 Census Lab, Black Rock City Census: 2013–2017 Population Analysis. Black Rock City Census (2017), Copyright © 2018 DeVaul u. a., Daten abgerufen am 2. Oktober 2018.
Dolan, Jill, Utopia in Performance: Finding Hope at the Theatre, Ann Arbor: University of Michigan Press, 2005.
Harvey, Larry, „Desert Civilization“, in: Burning Man Summer Newsletter, 1999.
Ders., Interview mit der Autorin, Black Rock City, Nevada, am 31. August 2004.
Hyde, Lewis, Die Gabe. Wie Kreativität die Welt bereichert, Frankfurt/Main: Fischer Verlag, 2008 (engl. 1983).
Melville, Keith, Communes in the Counter Culture; Origins, Theories, Styles of Life, New York: Morrow, 1972.
Parrington, Vernon Louis, American Dreams: A Study of American Utopias, New York: Russell & Russell, 1964.
Roszak, Theodore, The Making of a Counter Culture: Reflections on the Technocratic Society and its Youthful Opposition, Garden City, NY: Doubleday, 1969.
Turner, Victor, Das Ritual: Struktur und Anti- Struktur (The Lewis Henry Morgan Lectures), Frankfurt/Main: Campus Verlag, 2005 (engl. 1969).
Van Rhey, Darryl. 2002. „An Economy of Gifts: Interview with Larry Harvey“. What is Burning Man?

 


Rachel Bowditch (Ph.D.) ist Autorin von On the Edge of Utopia: Performance and Ritual at Burning Man. Sie arbeitet als Theaterregisseurin und ist Associate Professor sowie Director of Graduate Studies an der School of Film, Dance, and Theatre am Herberger Institute for Design and the Arts an der Arizona State University. Bowditch nimmt seit 2001 am Burning Man teil und forscht dazu.

Übersetzung: Dominikus Müller

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