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  • Tereza de Arruda „Sambódromo“, 2013

Grande Rio, 2012, Öl auf Leinwand, 180 x 240 cm

Es war eine bewußte Entscheidung von Torsten und Nina Römer, den Februar und den März 2012 für ihre erste Begegnung mit Brasilien auszuwählen. In diese Zeit fällt das größte Kulturereignis des Landes: der Karneval. Es mag typisch erscheinen für einen ersten Besuch in Brasilien, diese Zeit auszuwählen. Allen Beteiligten, also auch den Wegbegleitern beider Künstler, war aber von Anfang an klar, daß es nicht um Oberflächliches ging, sondern um die Annäherung, die Untersuchung und die Umformung von Erfahrungen einer soziopolitischen und kulturellen Veranstaltung.
Üblicherweise beschäftigt man sich bei einem Erstbesuch mit typischen Orten und typischen Ereignissen und den bekannten Sitten und Gebräuchen eines Landes. Römer + Römer erlebten dieses aber aufgrund ihrer bisherigen Erfahrungen in einer globalisierten Welt auf optimale Weise. Sie stillen ihre künstlerischen Interessen und ihre Neugier durch Untersuchung der Gesellschaft, exemplarisch durch Beobachtung von Tätigkeiten im öffentlichen Raum.
Berlin war der Beginn. Die wiedervereinigte Stadt mit ihren zahlreichen Veränderungen und Anpassungen war eine geeignete Plattform zur Untersuchung gesellschaftlicher Verhältnisse und deren Umformung in ein künstlerisches Werk. Ihre aktive Teilhabe, ihr analytischer Blick, die Konservierung in digitalen Medien und endlich die Übertragung auf Leinwand sind die Eckpfeiler des künstlerischen Prozesses. Dieser entwickelte sich partnerschaftlich. Die Entscheidung, von 1998 an als Künstlerduo aufzutreten, ist eine Quelle lebendiger kommunikativer Spannung, die sich in ihre Malerei überträgt.
Ihre intensive Beschäftigung mit Berlin ergänzten die Künstler in zahlreichen europäischen Städten und in China, Israel, Rußland, Korea, Nordamerika, und nun in Südamerika: Brasilien 2012.

Römer + Römer stehen in der Tradition der reisenden Künstler, die fremde Welten untersuchten und in Kunstwerken festhielten. In weiterem Rahmen entstanden zahlreiche Archive und Sammlungen, die von Generation zu Generation weitergegeben wurden und das Bild des neuen Kontinents aus europäischer Sicht geprägt haben. Berlin förderte im 19. Jahrhundert mehrere Expeditionen nach Brasilien; Prinz Adalbert von Preußen erkundete als Erster im Jahre 1842 das Land und die brasilianischen Gebräuche. Er hinterließ ein Expeditionstagebuch mit zahlreichen Skizzen. Die Farbzeichnungen erschienen 1847 in einer Auflage von 100 Exemplaren. Sein Bruder Friedrich Wilhelm IV war, genauso wie Friedrich der Große, ein großer Förderer der Künste. Alexander von Humboldt überzeugte ihn, Expeditionen nach Südamerika zu fördern, an denen auch Künstler, wie Eduard Hildebrandt, teilnahmen. Die dabei entstandenen Werke bilden heute einen wichtigen Bestandteil unter anderem der Sammlung des Staatlichen Preußischen Kulturbesitzes. Als Vorbild dienten damals Franz Post und die Aktivitäten zahlreicher weiterer Künstler und Wissenschaftler, die ab dem 17. Jahrhundert die Welt bereisten, um Geographie, Fauna, Flora und Wirtschaft, einschließlich des Sklavenhandels zu untersuchen und darzustellen 1,2.

Zahlreiche Künstler kommen immer wieder nach Brasilien. Die São Paulo Biennale, gegründet 1951 und damit die zweitälteste der Welt nach Venedig, ist ein wichtiger Bestandteil des kontinuierlichen internationalen künstlerischen Austausches. Da Brasilien ein BRICS-Land mit einer pulsierenden Wirtschaft ist, interessiert man sich weltweit auch für die aktuelle Kunst des Landes, das eine lebendige Kunstszene, neue Museumsstrukturen und einen sich entwickelnden Kunstmarkt hat.Diese Voraussetzungen haben Nina und Torsten Römer ermutigt, das Land Brasilien zu besuchen. Dabei war es beinahe zwangsläufig, daß sie das Nationalsymbol Brasiliens, den Karneval, zu ihrem künstlerischen Thema gemacht haben. Für sie ist der Karneval der Inbegriff für multikulturelle Begegnungen und das friedliche Miteinander im Feiern, wo gesellschaftliche Unterschiede weitestgehend aufgehoben sind. Das ist ein rekurrentes Thema im Werk von Römer + Römer. Hier sind die Künstler auf den Spuren eines sogenannten ‘Mega-Events‘, denn der brasilianische Karneval ist ein solches. Seit Jahrtausenden wird Karneval gefeiert; angeblich liegen die Ursprünge vor 5000 Jahren in Mesopotamien. Gefeiert wird Karneval in verschiedenen Regionen der Welt und entsprechend auf unterschiedliche Arten und Weisen. In Brasilien startete der Karneval Mitte des 17. Jahrhunderts unter europäischem Einfluß. Die erste Sambaschule wurde 1928 in Rio de Janeiro gegründet, seitdem sind zahlreiche weitere entstanden, die jedes Jahr einen aufwendigen Auftritt gestalten, der in viele Länder der Welt übertragen wird. Den Karneval in Rio de Janeiro haben Nina und Torsten Römer aus einer ganz persönlichen Perspektive und aus einem speziellen Interesse heraus begleitet. Sie flanierten Tage und Nächte in der Stadt, um so viel wie möglich mitzuerleben. Dabei entstanden tausende von Fotoaufnahmen, in denen sie ihre Erfahrung konservieren. Auch am Sambódromo verbrachten sie drei Nächte, um sich zu einem Teil des Ganzen zu machen. Aus der Bewegung der Massen haben die Künstler sensibel Einzelpositionen oder kleine Gruppierungen festgehalten, die mythische Verwandlungen einzelner Teilnehmer betonen. Diese geben Einblick in eine phantastische Welt voller Poesie, Phantasie und blendender Pracht, jenseits des alltäglichen Überlebenskampfes. Die wertvollen und liebevoll gestalteten Kostüme erinnern an das Erbe der Kolonialzeit mit ihrer barocken Pracht.

In der ’Concentração’, dem Ort der Begegnung, Vorbereitung und Konzentration vor dem großen Auftritt wurden Römer + Römer Zeugen des Übergangs von Realität zu Illusion. Die Gruppendynamik, das Engagement eines ganzen Jahres, der leidenschaftliche Einsatz der einzelnen und eine allgemeine Euphorie prägen das Bild der Sambaschulen. Dazu treten Rhythmus, Choreographie und Musik sowie die individuelle Figureninterpretation. Römer + Römer haben sich in ihrer neuen Bilderserie auf vier Sambagruppen konzentriert: Grande Rio, Unidos do Viradouro, Mangueira und Beija Flor. Diese Ausstellung trägt den Titel Sambódromo – den Namen des offiziellen Ortes der Parade in Rio de Janeiro und Bühne des jährlichen großen Spektakels; Römer + Römer aber beschäftigen sich wesentlich mit der Vorbereitungszeit in der Concentração; Grundlage dazu sind ihre Fotos, zumeist am Computer verändert: aus Abbildern müssen Bilder werden, aus Ereignissen Poesie.

Cucumbi Indianer in der Concentração zeigt eine dichte Komposition von übereinander gestapelten Menschen, die als Ornamente eines Wagens der Mangueira Sambaschule dienen. Es entsteht eine Farbkomposition, in der individuelle Gesichtszüge mit der Gesamtsituation verschmelzen. Neu ist hier die Breite der Farbscala, die so in ihrem Werk noch nicht angewendet wurde. Der Farbcharakter und die Stimmung jedes einzelnen Bildes werden individuell entworfen. Natürlich korrespondieren die Farben miteinander, ohne aber Übergänge zu zeigen, da sie in einzelnen Bildpunkten konzentriert sind. Aus einfarbigen Flächen entstehen variierte Farbräume ohne Übergänge, weil die Farben in tausenden von Bildpunkten konzentriert sind.
Die Sambaschule Mangueira – im Farbklang rosa-grün – präsentierte im Umzug unter dem Titel „Ich werde feiern, ich bin Cacique, ich bin ein Mangueira“ eine Hommage an Cacique de Ramos; im Bloco Cacique werden alle Mitglieder während der Parade als Indianer verkleidet. Vergleichbar mit einer Sambaschule, versammelte er mehr als 10.000 Mitglieder, als der Umzug noch an der Avenida Rio Branco stattfand. Mit dem Aufkommen des institutionalisierten Karnevals im Sambódromo verlor die Straße jedoch viel von ihrer Bedeutung. Der Bloco war von grundlegender Bedeutung für die Entwicklung eines Sambastils, der in den 80er Jahren als Pagode bekannt wurde und weithin enorme Popularität genießt.
Die angesehene Sambaschule Mangueira entschied sich für dieses Thema, um den Ursprung des Karnevals in Brasilien ins Bewußtsein zu rücken. Römer + Römer greifen diese Thematik für ein weiteres Bild auf: Majestätische Sambatänzerinnen der Gruppe Mangueira, eine Hommage an Bloco Cacique de Ramos. Jede Geste, jede Mimik, jedes Kostüm, alle Tänze und die Musik vereinigen sich unter einem Thema, das seine Wurzeln in der Geschichte und Tradition nicht nur des Karnevals, sondern auch des Landes hat.

Ein Beispiel der Wiedergabe von historischen Ereignissen des Landes lieferte 2012 die Sambaschule ’Beija Flor’. Ihr Motto war „São Luis. Der zauberhafte Poet von Maranhão“- eine Parade zu Ehren der 400-Jahrfeier dieser Stadt Brasiliens. Der Ablauf der Choreographie beginnt mit der Kolonisierung und den drei Kolonialmächten Frankreich, den Niederlanden und Portugal, mit Details aus Legenden und Geschichten dieser neuen Welt. Bald danach konzentriert sich der Umzug auf die Ankunft der schwarzafrikanischen Sklaven und ihr Martyrium. Religiöse und folkloristische Merkmale symbolisiert vor allem ein Tanzstück namens Bumba-meu-boi, in dem sich Musik, Poesie und Literatur vereinigen. Die Parade endet mit einer Hommage an São Luis und führt durch Häuser, Gassen und Straßen wie in einem großen Faschingsball. Römer + Römer waren von der Magie des ’Bumba-meu-boi’ fasziniert, und ihr Bild Das Kulturelle Erbe Brasiliens, Bumba-meu-boi auf dem Wagen von Beja-Flor basiert darauf. Männliche und weibliche Teilnehmer der Sambaschule spiegeln die Vielfältigkeit des Landes und seine Tradition mit bunten, sparsamen Kostümen wider. Es ist als vernehme der Betrachter den Rhythmus des Tanzes, die Stimme der Sänger und die Musik der Batteria – so authentisch ist die Darstellung.

Das Stadtzentrum von Rio de Janeiro ist in vielen Bildern der Hintergrund. Die Straßen und ihre Profile bilden den Rahmen der Szenen auf den Bildern. Das bezieht sich vor allem auf die Intimität der Versammlung in der Concentração, vor der Euphorie im Sambódromo. Die Wahrnehmung und Wiedergabe dieses Mikrokosmos vor dem großen Auftritt ermöglicht einen unvergleichlichen Blick auf das Ereignis, so daß eine fast intime und persönliche Aura zu spüren ist. In diesem Augenblick bekommt noch jeder Protagonist seine eigene Plattform und Kulisse zur Verwirklichung des eigenen Traums, bevor er in die Masse des Umzuges eintaucht.

Dies ist zum Beispiel der Fall in dem Bild Majestätische Sambatänzerinnen der Gruppe Mangueira, Hommage an Bloco Cacique de Ramos und bei Superação, in dem ein Teil der Sambaschule Acadêmicos do Grande Rio zu sehen ist, die Gelb als farbiges Leitmotiv hat. Diese Sambaschule gestaltete im Jahr 2012 eine Hommage an Menschen, die Leid und Katastrophe überwunden haben, wie zum Beispiel Frida Kahlo, Nelson Mandela oder Japan nach der Atombombe.
Jedes Jahr müssen die einzelnen Sambaschulen ein neues Motto finden; es entsteht eine Mischung aus historischen und aktuellen Themen, die nationale und auch internationale Probleme ansprechen.

Die Malweise von Römer + Römer verdeutlicht in ihrer Detailliertheit die Szenen. Für Betrachter und Wegbegleiter der Künstler entsteht eine neue Konfrontation zwischen Motiven, Zusammenhängen und künstlerischer Wiedergabe. Hier geht es dabei um eine ebenso phantastische wie artifizielle Welt, die sich kurzfristig als Realität in Form von unbesorgter Lebendigkeit darstellt. Die Teilnehmer strahlen Grazie und Freude aus; mit eleganten Bewegungen schaffen sie eine beinahe perfekte Welt. Dieser Effekt wird durch die Farbigkeit unterstützt. Bei Superação – Überwindung wirken die einzelnen weiblichen Teilnehmer noch nicht in Stimmung, aber im Bild Grande Rio, Tribut an Nelson Mandela spürt der Betrachter die wirkungsvolle Dynamik und die Energie der Gruppierung.

Die Sambaschule ’Unidos do Viradouro’ thematisierte die Denkweise von Nelson Rodriguez, dem wichtigsten brasilianischen Autor und Dramaturgen. Einige seiner Sätze sind legendär, wie zum Beispiel „Das Leben ist wie es ist“ oder „Jede Einstimmigkeit ist dumm“. Sie entsprechen der Mentalität der Cariocas (‚Gebürtige aus Rio de Janeiro‘) mit einer Spur von Ironie und Zynismus in Bezug auf das alltägliche Leben. Aus diesem Zusammenhang heraus entstand das Bild Viradouros Bräute im Traumbild von Alaide, das sich auf Rodigues‘ Theaterstück ’Vestido de Noiva’ (Brautkleid) bezieht und 1943 zum ersten Mal aufgeführt wurde. Die große Spannung, die das Stück durchzieht, entsteht nicht nur aus dem Gegensatz zwischen den Hauptfiguren Alaíde und Lucia, sondern auch durch die widersprüchlichen Beziehungen zwischen allen Charakteren. Das Stück verkörpert die lächerlichen Auswüchse sentimentaler moderner Dramen in Brasilien. Das Bild von Römer + Römer zeigt eine Gruppierung von Männern und Frauen, die allesamt als Bräute verkleidet sind. Farblicher Schwerpunkt ist Violett. Es entfaltet sich eine Bildwirkung, die mit Darstellung von Rüschen und Stoffen eine Art Hochzeitstorte entstehen läßt.
Eine Entsprechung zum Werk von Nelson Rodrigues findet sich auch in Stefan Zweigs Betrachtungen über die Attraktivität einer Stadt, bezogen auf Rio de Janeiro: „Um spannend zu wirken, muß eine Stadt starke gegensätzliche Spannungen in sich haben. Eine bloß moderne Stadt wirkt monoton, eine rückstaÅNndige wird auf die Dauer unbequem. Eine proletarische bedrückt, und von einem Luxusplatz wieder strömt nach kurzer Zeit eine mißmutige Langeweile aus. Je mehr Schichten eine Stadt besitzt, und in je farbigerer Skala ihre Gegensätze sich abstufen, desto anziehender wird sie wirken: so Rio de Janeiro“3. Das entspricht der Faszination, die Römer + Römer gespürt haben, und die sie dazu gebracht hat, die Ereignisse zu untersuchen und künstlerisch umzusetzen.

Diese Bilder sind ihre erste Expedition in eine bisherige ‚Terra Incognita‘, der noch weitere folgen sollen; die Werke werden im Anschluß auch in Brasilien präsentiert werden. Brasilien bietet eine Plattform für die Auseinandersetzungen, die für ein friedliches Zusammenleben der Menschen nötig sind, und das dank und trotz aller Kontraste zwischen Klassen, Farben, Religionen, Überzeugungen und politischen Parteien. Das Land befindet sich im Umbruch und zeigt sich selbstbewußt und demokratisch. Diese Auseinandersetzung ist in den Bildern der Serie „Sambódromo“ zu erkennen. Römer + Römer haben die Zeichen der Zeit erkannt und spüren ihnen nach.

Diese Ausstellung wird am 7. September in Berlin eröffnet, eine zufällige Entscheidung. Das Datum fällt aber auch auf den brasilianischen Nationalfeiertag. Die Unabhängigkeit des Landes von portugiesischer Kolonialherrschaft erfolgte am 7. September 1822. Und das wird auch mit den Bildern von Römer + Römer gefeiert.

Tereza de Arruda, 2013

1 Gilberto Ferrez, Die Brasilienbilder Eduard Hildebrandts, Henschel Verlag Kunst und Gesellschaft, Berlin, 1988
2 León Krempel, Frans Post: Maler des Verlorenen Paradieses, Michael Imhof Verlag, Petersberg, 2006
3 Stefan Zweig: Brasilien. Ein Land der Zukunft, Bermann-Fischer, Stockholm 1941.

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