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  • Björn Vedder „Sturmhöhen“, 2018

Das Gemälde von Römer + Römer  „Shower Tower Oase“, 2014, oil on canvas, 2 x 7,5 m (3-teilig) war Teil der 4-er Gruppenausstellung.

Nina und Torsten Römer sind ein Künstlerpaar, das seit 1998 zusammenarbeitet. In dieser Ausstellung zeigen sie ihr Bild Shower Tower Oase, einen Triptychon von 2014. Das Bild ist eine Leihgabe aus einer Sammlung in Süddeutschland. Das Bild zeigt den ganz eigenen Stil und die ganz eigene Arbeitsweise, für die Römer und Römer bekannt sind. Die Künstler besuchen Großveranstaltungen wie den brasilianischen Karneval, das Burning Man-Festival oder in diesem Fall das Fusion-Festival und machen Fotos. Diese werden am Rechner bearbeitet, neu zusammengesetzt und verfremdet. Die Motive werden dann in gemeinsamer Arbeit des Künstlerpaares in vielen überlagernden Bildschichten und tausenden von einzelnen gemalten Punkten in Öl auf Leinwand transformiert. So entsteht ein besonderer Bildeindruck, der verschiedentlich mit dem Impressionismus und insbesondere Pointillismus verglichen worden ist, wenngleich dieser Vergleich vor allem Unterschiede markiert. Denn die Bilder sind nicht komplett durchgepunktet, sondern die gemalten Pixel alternieren mit flächigen Partien, und die Wirklichkeit, die sie abbilden, ist nicht die freie Natur, wie wir sie natürlicherweise mit dem Auge wahrnehmen, sondern diese Wirklichkeit ist durch die Fotos, auf die sich die Bilder beziehen, immer schon medial vermittelt, und sie ist, wie diese Fotos auch, verfremdet. D.h., so wie sich der Impressionismus gegen die akademische Malerei auf die Erkenntnis berief, dass man im Freien im allgemeinen die Dinge ganz anders sieht, als im Atelier, und die uns bestimmende Wirklichkeit eine ganz andere ist, so berufen sich auch Römer und Römer auf die Erkenntnis, dass die Wirklichkeit, die uns heute bestimmt, wiederum eine ganz andere ist als die, die wir mit dem bloßen Auge sehen. Die Verfremdung der Fotos ist also nicht nur ein Eingriff in das Bild, sondern sagt auch etwas über das medial vermittelte Bild aus: Sie streicht heraus, dass das Bild die Wirklichkeit, die es abbildet, verfremdet. So wie die Impressionisten aus ihrer Erkenntnis die Konsequenz zogen, dass diese andere bestimmende Wirklichkeit auch anderer Darstellungsformen verlangt, so tun das Römer und Römer ebenso. Da die von ihnen als bestimmend ausgemachte Wirklichkeit jedoch eine andere ist, sind auch ihre Bildpunkte andere. Es sind nicht die runden Pixel der Retina, sondern die eckigen Pixel der Kamera. Gleichwohl vermittelt die ästhetische Erfahrung des Bildes nicht den Eindruck von Distanz, Fremdheit und Verunsicherung, wie es unter den genannten Vorzeichen vielleicht zu erwarten wäre. Vielmehr lädt das Bild zur anschließenden Einfühlung ein, und ich glaube, das liegt an seinem Inhalt. Die Szenen in den Bildern der Römers erscheinen mir oft wie eine Feier nicht nur des Glücks gemeinsamer Feste, sondern überhaupt des Zusammenseins und der Gemeinschaft. Mitunter haben sie sogar etwas Beschwörendes. Gerade heute, ich kenne ihre Arbeiten schon viele Jahre, erscheinen mir die Bilder so, als wollten Römer und Römer in Zeiten der Unsicherheit und schwindenden Solidarität Beschwörungen der Gemeinschaft und Solidarität auf die Leinwände malen, um uns – vermittelt über die Freude des gemeinsamen Festes –, daran zu erinnern, dass es gute Gründe gibt, zusammen zu sein. Und ich finde, das ist heute, da es immer mehr Heathcliffs gibt, die in ihren Kränkungen ausschweifen, die Abgrenzung gegen Gemeinschaft setzen und Hass gegen Freude, wichtiger denn je.

Aus dem Text von Björn Vedder im Katalog zur Ausstellung „Sturmhöhen“ im Schafhof – Europäisches Künstlerhaus Oberbayern, Freising, 2018

 


Björn Vedder, Dr. phil (* 1976 in Brakel) lebt als Publizist und Kurator in Herrsching am Ammersee. Zuletzt erschienen: Neue Freunde (transcript Verlag 2017) und Reicher Pöbel (Büchner Verlag 2018).

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