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  • Uwe Haupenthal, Eröffnungsrede Richard Haizmann Museum, 2014

Detail: Ebisu Brücke in Osaka, 2011, Öl auf Leinwand, 200 x 250 cm

Der menschliche Hunger nach Bildern ist ein Grundbedürfnis, und er war immer schier unersättlich, wenngleich er in verschiedenen Kulturen und zu verschiedenen Zeiten auf unterschiedliche Weise unterdrückt, kanalisiert oder aber, im Umkehrschluss, mit berechnender Schamlosigkeit ausgenutzt wurde. Man denke in diesem Zusammenhang nur an das Bilderverbot im Judentum oder im Islam, was im Gegenzug eine beeindruckend bilderreiche Sprach- und Erzähltradition begründete. Man denke an die abstrakte Kunst im 20. Jahrhundert, die im Verzicht auf das Abbildliche einen entscheidenden Fortschritt erkannte, in den Werken ihrer stilistischen Mitläufer jedoch nicht selten auflief und sich in allenfalls tagesaktueller Belanglosigkeit verlor, während sich politische Ideologen unterschiedlicher Couleur gerade auf das Abbildliche als das Allgemeinverständliche und Volksnahe beriefen, freilich nur um ihre jeweiligen Inhalte zu popularisieren. Dass diesem ebenso radikalen wie oft brutal vorgetragenen Bemühen letztendlich wenig Erfolg beschieden war, wissen wir nur allzu gut: Waren wir doch Zeitzeugen, und wir sind es noch, wenn auch im Zeitalter medialer Globalisierung der Grad ideologischer Ausschließlichkeit deutlich andere Formen angenommen hat. Die konfrontative Nähe zum Islam beispielsweise ist ein fortgesetztes kulturelles Thema, und wir sind nach wie vor weit von einem tragfähigen Ausgleich entfernt. Ob dieser für uns alle in Europa und anderswo überhaupt wünschenswert ist, steht freilich auf einem anderen Blatt. Kultur bedarf unabdingbar der fortgesetzten Konfrontation. Gerade darin liegen unsere Chancen, so es uns allen denn gelingen würde, die Neugier auf das jeweils Andere und Fremde als etwas zutiefst Positives anzuerkennen. Statt dessen ditieren häufig Vorurteile und Ressentiments das Geschehen, und sie legen sich wie feuchter Mehltau über unsere Gedanken.
Im 19. Jahrhundert wurde der Hunger nach Bildern durch die Erfindung der Fotografie dynamisiert. Die Bildästhetik erfuhr tiefgreifende Modifikationen. Die bildende Kunst hinterfragte nicht nur die Funktion des Abbildlichen, sondern sie entwarf im Realismus wie im Naturalismus entschiedene Gegenmodelle hinsichtlich größerer Nähe oder aber größerer Distanz zur gesehen und erlebten Wirklichkeit. Man vergleiche in diesem Zusammenhang nur die Malerei von Gustave Courbet mit derjenigen der Impressionisten. Das prinzipielle Absehen von der gesehenen Wirklichkeit in der „Großen Abstraktion“ gegenüber dem „Großen Realen“, wie Wassily Kandinsky es nannte, leistete nicht nur ein Übriges, sondern befeuerte das bildnerische Erlebnis aus gänzlich anderer Perspektive.
Nun sind diese Schlachten zu Beginn des 21. Jahrhunderts längstens geschlagen, und es stellt sich die Frage, was heute bildkünstlerisch möglich oder angebracht ist. Um jedoch keinen falschen Zungenschlag aufkommen zu lassen: Alles ist möglich und alles ist erlaubt, zumal sich jeder Künstler auf eine lange und bedeutende Tradition berufen kann. Möglich indes, dass von der Vermengung der Malerei mit der Fotografie eine gewisse Irritation ausgeht. Darauf setzt auch das Künstlerpaar Römer + Römer. Torsten und Nina Römer haben beide an der Düsseldorfer Kunstakademie studiert und leben seit 2000 in Berlin oder sonst wo auf der Welt.
Die Fotografie bezeichnet in ihren Bildern die entscheidende Ausgangslage oder, um genau zu sein, es ist die digitale Fotografie. Diese bearbeiten Nina und Torsten Römer am Computer und übertragen sie auf die Leinwand. Die sog. Pixel in der digitalen Fotografie erfahren eine augenfällige Vergröberung, wodurch das Moment der Abbildlichkeit gegenüber dem hochauflösenden Bild reduziert wird. Zweifelsohne ein Gewinn für die Malerei, die in der vorgetragenen Punktrasterung den Schulterschluss mit der pastos-dickflüssigen Ölfarbe eingehen kann. Je weiter man sich indes von diesen Bildern entfernt, umso größer wiederum die Annäherung an die fotografische Ausgangslage. Sicherlich, der Sehvorgang ist subjektiv. Doch in den oft großformatigen Bildern des Künstlerpaares Römer + Römer begründet diese visualisierte Individualisierung die strukturelle Ausgangslage: Da gibt es eine graduell abgestufte Zerlegung des Lichtes, die sich in farbigen Flächen auflöst und demgegenüber eine fotografisch begründete Objektivität in der Wiedergabe des gesehenen oder erinnerbaren Wirklichkeit. Ein Vexierspiel zwischen partieller, nicht-abbildlich-farbiger Verselbständigung und einer noch immer durchdingend sichtbaren, voyeuristischen Nähe zur Wirklichkeit, die immer auch etwas Gewalttätiges in sich birgt und die den Lauf der Zeit schockartig einfriert. Susan Sontag’s Verdikt – „Menschen fotografieren heißt ihnen Gewalt antun, indem man etwas von ihnen erfährt, was sie selbst nie erfahren; es verwandelt Menschen in Objekte, die man symbolisch besitzen kann“ – verweist schlaglichtartig auf die Brisanz dieser Bildkonstellation. In den Bildern von Römer + Römer gibt es nicht länger die subjektive Sichtweise auf die Wirklichkeit wie sie beispielsweise der Realismus einklagte. Weit näher stehen sie hingegen dem naturalistischen Impressionismus bzw. dem Pointilismus des späten 19. Jahrhunderts. Nunmehr ist aber die Kamera als missing link zwischengeschaltet. Aus ihr resultieren Kälte und Unerbittlichkeit gegenüber der Wirklichkeit, die auf unkalkulierbare, weil ungefilterte Weise das Gefühl von Nacktheit erzeugt. Gegenüber dem äußeren Schein sind wir zunächst schutzlos ausgeliefert. Das Konstruktiv-Bildnerische weicht der fotografischen Attitüde des Enthüllenden respektive des Enthüllten, das plötzlich, ohne Kontrolle reale Gegenwärtigkeit beansprucht, die in uns die Anmutung des Tatsächlichen auslöst, wenngleich sie auch den Weg über eine „psychische Brücke“ verbaut.
Das Reale überwältigt uns ebenso wie es die Malerei in die Schranken verweist. Sicherlich: Die Malerei wehrt sich, so gut sie kann, und sie nimmt der fotografischen Ausgangslage das Übermaß an Schärfe, eben das, was Roland Barthes das „punctum“ genannt hat, ein Detail, das mich besticht und an dem sich mein Interesse entzündet. Folglich ermöglicht die Malerei die rezeptive Erträglichkeit der fotografischen Vorlagen im großen Format. Dennoch bleibt die Vorstellung eines bildnerischen Kokons gewahrt, innerhalb dessen sich Wirklichkeit ereignet, wohingegen das Umfeld des Bildes und folglich auch der Betrachter einer gänzlich anderen Wirklichkeitsebene angehören.
Den Künstlern fällt nunmehr die Aufgabe zu, diese Offenheit malerisch zu disziplinieren und in eine verbindliche Form zu bringen, wobei der Computer in Bezug auf eine Bereinigung der kompositorischen Anlage zweifelsohne wertvolle Dienste leisten kann. Dies mag im Übrigen auch ein Grund für ihre symbiotische Zusammenarbeit sein, die von vorn herein nicht nur ein hohes Maß an künstlerischer Übereinstimmung hinsichtlich der künstlerischen Ziele, sondern auch eine klare Konzeption erfordert. Die malerische Realisierung eines Bildes richtet sich demnach nicht länger nach der gesehenen Wirklichkeit. Vielmehr rückt die fotografische Ausgangslage ins konzeptuelle Zentrum des bildnerischen Prozesses. Es ist die Wirklichkeit des medialen Zwischenschrittes, die nach unterschiedlichen Seiten hin ausgreift und der sich wohl die handelnden Künstler als auch die Betrachter letztendlich unterordnen.
Selbstredend können sich Nina und Torsten Römer in dieser Konstellation auf unsere Erfahrungen im Umgang mit den fotografischen wie auch mit den filmischen Medien verlassen. Ganz zu schweigen von unserer fortgesetzten Nutzung des Internets, in der alles und jedes jederzeit verfügbar ist, wenn auch nur auf bereits gefilterte, d. h. ausgewählte und verkürzte Weise. Dabei erhebt gerade das Internet den Anspruch, jede Art von Fremdheit auszulöschen. Die Welt ist uns so nah gerückt wie niemals zuvor in der Menschheitsgeschichte. Ob wir sie indes dadurch besser verstehen, kann mit Recht bezweifelt werden, denn worauf es ankommt, ist zum einen die schnelle Information und zum anderen die Erzeugung eines inhaltlich vielfach überlagerten Scheins. Beides erzeugt eine suggestive Wirkung, an die wir uns längstens gewöhnt haben, und die uns nicht selten als willkommener, weil distanzgesicherter Ersatz für die Wirklichkeit dient.
Können auch Nina und Torsten Römer diese Rezeptionsweisen beim Betrachter voraussetzen, so liegt ein gewichtiger Teil ihrer künstlerischen Arbeit eben darin, auf ausgedehnten Reisen vermittels der Fotokamera eine bildnerisch überzeugende Intensität gegenüber dem Fremden wie auch gegenüber dem mehr oder weniger Bekannten herzustellen. Auf diese Weise entstand ein interkontinentaler, sich ständig erweiternder Bildkosmos. Was an fotografischen Vorlagen schließlich in das Medium der Malerei überführt wird, ist demnach nicht länger das Resultat von klassisch-vorbereitenden Detailstudien, sondern bleibt, angesichts überbordender fotografischer Fülle, dem auswählenden und kritisch reflektierenden Blick untergeordnet.
Da diese fotografisch begründeten und malerisch transformierten Bilder auch auf ebenso selbstverständlicher wie letztendlich ungeschützter Nähe gegenüber dem Betrachter bestehen, kolportieren sie ein hohes Maß an humaner Empathie, zumal der Mensch, ob nun als vielfiguriges Bild oder in einem eher porträtähnlichen Zustand, das eigentliche Thema in der Malerei des Künstlerpaares darstellt.
Nina und Torsten Römer haben diese Bilder tatsächlich gesehen. Sie sind Zeuge von bestimmten Ereignissen und Begebenheiten, wobei sie sich nolens volens wieder dem Historienbild annähern. Eine Gattung, die über mehrere Jahrzehnte hinweg nahezu ausgestorben schien, die nun aber wiederum massiert in die Kunst eindringt. Allzu mächtig erscheinen uns die Bilder von menschlichen Verhaltens- und Lebensweisen, als dass wir uns ihnen gegenüber neutral verhalten können, obwohl unser eigenes Leben eher ruhig, um nicht zu sagen, nach außen hin vielfach beinahe ereignislos verläuft. Dabei würde ich jedoch nicht so sehr von dem berühmten Adrenalinstoß oder dem sprichwörtlichen Kick sprechen, sondern vielmehr von einer aufklärenden Nähe gegenüber anderen Menschen. Niemand kann sich da neutral verhalten, wenngleich es schwer fällt, die wiedergegebenen Menschen einfach nur auszugrenzen oder sie gar mit Nicht-Beachtung zu strafen. Das geschieht, wie wir allenthalben täglich erleben müssen, in der politischen und gesellschaftlichen Diskussion. Nähe hingegen erzeugt persönliche Betroffenheit, und sie bedingt Zwischenmenschlichkeit. Und der facettenreichen, räumlich gliedernden Fotografie haftet immer auch das positive Versprechen an „Die Welt ist schön“, was in uns nicht nur tiefe Verbundenheit mit dem Wirklichen erzeugt, sondern eben auch den Hunger nach Bildern zu stillen vermag, und zwar jenseits grauer Verlogenheit oder kitschiger Klebrigkeit.

 

Rede anlässlich der Ausstellungseröffnung am 7.2.2014 von Römer + Römer „Alles für alle“, Kunstverein Niebüll e.V., Richard Haizmann Museum Niebüll

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