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  • Bettina Krogemann „Second life in Peking: Anonyme Stars einer globalisierten Welt“, 2009

Wir sind in China, genauer gesagt in Peking. In der Ausstellung „Second life in Peking“ folgen unsere Augen gerade den individuellen Wahrnehmungen des Künstlerduos Römer & Römer in der Hauptstadt der Volksrepublik. Römer & Römer, das sind die 1968 in Moskau geborene Nina, mit Mädchenamen Tangian, und der 1968 in Aachen geborene Torsten. Gemeinsam studierten sie an der Düsseldorfer Kunstakademie, die sie als Meisterschüler von A.R. Penck verließen. Das Maler-Duo arbeitet zusammen, dies seit 1998, aktuell in Berlin. Die Motive von Römer & Römer sind Impressionen des durchaus gewöhnlichen öffentlichen Lebens, ausgesuchte Einblicke in die vielen Perspektiven unserer täglichen Welt mit reichen Figurenstaffagen oder einzelnen Protagonisten, die sich im Gesamtwerk zu einer globalen Wesensschau des Menschlichen bilanzieren ließen. Das Werk von Römer & Römer ist jedoch noch lange nicht abgeschlossen, dafür aber gerade ein neuer Zyklus an Arbeiten entstanden, die eben mit dem poetischen Titel „Second life in Beijing“ überschrieben sind. Hier begegnen wir anonymen Menschen, lyrischen oder spielerischen Szenen, unbekannten Architekturfragmenten, nie gezeigten Schauplätzen im Reich der Mitte.

Römer & Römer sind Repräsentanten des Künstlertums im 21. Jahrhundert. Im Zeitalter der
Globalisierung gehört das Reisen zu den „Musts“ eines Künstlers, genauso wie für den tüchtigen Geschäftsmann. Bei ihrer Arbeit bewegen sich Römer & Römer im öffentlichen Raum, einmal in ihrer üblichen Umgebung, einmal auf ganz fremden internationalen Territorien.

Die Auswahl ihrer Sujets folgt einer Art Konstante, gesucht und erfasst wird stets eine universale Bildsprache. Nie erscheint eine Darstellung so fremd, dass der Betrachter, egal wo er zu Hause ist, in ihr nicht etwas findet, was ihn das Gezeigte seelisch und emotional nachempfinden lässt. Für die aktuellen Arbeiten bewegten sich Römer & Römer auf Straßen und Plätzen in Peking, wo im Mai diesen Jahres ihre Ausstellung „Based on a true Story“ mit Szenen aus dem Berliner Stadtleben im Today Art Museum gezeigt wurde. Nun geht es den umgekehrten Gang, das Peking von Römer & Römer wird der westlichen Hemisphäre zugeführt. Römer & Römer fanden während ihres Streifzuges durch die Stadt junge Menschen, die sich laienhaft in den Künsten der traditionellen, im späten 18. Jahrhundert entwickelten Peking-Oper probierten, dem perfektionistischen und minutiösen Schauspiel aus Singen, Tanzen, Kampfkunst, einer äußerst feinen Mimik und phantasiereichen Kostümierung und einer ebensolchen Maskierung. Die jungen Chinesen agierten auf der Straße, trugen aber von dem traditionellen Vorbild unabhängige, unkonventionelle Kostüme, moderne Kleidung, führten kampfeslustig ornamentale Waffen wie Schattentänzer oder waren gerade dabei, sich aufwendig zu schminken und damit das Gesicht selbst zu einer hohen Kunstform zu erheben.

Die Szenen aus „Second life in Peking“, wie wurden sie gefunden und wie fügten sie sich schließlich in Öl auf Leinwand zu Gemälden? Zu den Arbeitsmitteln von Römer & Römer gehört als Grundstock schon einmal die digitale Kamera, Photographien sind ein Ausgangspunkt für die großformatigen malerischen Schöpfungen. Während einer Reise oder eines Spazierganges entstehen unzählige davon, danach wird aus diesem Repertoire sondiert, ausgesucht, dies treffsicher. Die digitale Vorlage wird aufwendig bearbeitet, die Perspektive damit geschaffen, der Ausschnitt gewählt.

Schließlich wird die Komposition in der traditionellsten aller malerischen Techniken, der Ölmalerei umgesetzt, immer im eingespielten Künstler-Duett. Ein wichtiges künstlerisches Stilmittel von Römer & Römer ist die Farbgebung, die optisch eine elegante Leichtigkeit in die Arbeiten bringt, den Sujets etwas Flüchtiges, Ephemeres verleiht, als Ausdruck eines einzigartigen Momentes, auch wenn dieser immer anonym bleiben wird. Das von Römer & Römer im Duktus verwandte Pointillé, die Aufrasterung des Bildes in kleine feine Farbflächen und Punkte scheint dabei so sehr auf einer Nahtstelle zwischen Tradition und Avantgarde zu stehen, wie die Motive aus „Second life in Beijing“, die sich zwar von einem alten theatralischen Brauchtum Chinas ableiten, dabei jedoch in ein modernes Gewand gehüllt sind.

Im Duktus erinnert die Malerei der Römers an die der Impressionisten, dabei verleugnet sie aber nicht ihre Herkunft aus einer digitalen Wurzel, denn das Pointillé mit seinen Punkten und Flächen will genauso als „gemalte Pixel“ verstanden werden, aus denen die Bildoberfläche, wie in der heute meist angewandten Photographie, sich erst aufbaut.

Bettina Krogemann

(Text erschienen im Katalog zur Ausstellung Römer + Römer – Second life in Peking, Galerie Kampl, München, 2009)

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