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  • Peter Funken „Emotion und Rationalität – Anmerkungen zu den neuen Bildern von Römer + Römer“, 2008

Detail: Alles für Alle. Make Capitalism History, 2008, Öl auf Leinwand, 150 x 250 cm

Römer + Römer – das ist ein Künstlerpaar mit Sitz in Berlin, darüber hinaus steht Römer + Römer für ein Malkonzept, eine Façon, Dinge und Wirklichkeit zu sehen und malerisch zu formulieren. Malerei, so wie sie Nina und Torsten Römer betreiben, ist eine Reflektion über die Gegenwart der Gesellschaft und der Stadt in der sie leben – Berlin. In ihrer Kunst zeigen die beiden soziale Wirklichkeit und den „way of life“, den sie in dieser Stadt wahrnehmen.

Der künstlerische Prozess ihrer Malerei lässt sich als ein komplexer Vorgang, als Verbindung von technischer Bildherstellung und handwerklich tradierten Malmethoden beschreiben: In einem ersten Schritt fotografiert das Künstlerpaar Situationen und Szenen, die es in der Öffentlichkeit beobachtet – in den Straßen, vor Lokalen, bei Konzerten oder, wie bei einem guten Teil der neuen Arbeiten, bei Demonstrationen und politischen Ereignissen. Viele dieser Momentaufnahmen handeln von der Realität und dem Lebensgefühl einer jüngeren Generation. In einem zweiten Schritt wählen Römer + Römer aus ihrem Archiv Fotografien aus, die sie in Malerei umsetzen wollen. Es sind vor allem solche Aufnahmen, die aufgrund von Komposition, Farbverteilung und Komplexität die besten Möglichkeiten bieten, in der Malerei wirkungsvoll zu werden, also atmosphärisch dicht, intensiv oder dynamisch zu erscheinen. In ihren neuen Arbeiten, die in den beiden letzten Jahren entstanden, setzen Römer + Römer das fort, was ihr Werk bereits bisher markant auszeichnete: Eine Malerei angesichts und zu den Bedingungen der technischen Medien und eine Kunst, die subjektiv gesellschaftliche Wirklichkeit spiegelt und dokumentiert.

Der Computer ist für Römer + Römer ein wichtiges Arbeitsmittel; in ihm speichern sie nicht nur die Vorbilder ihrer Malerei, mit ihm legen sie ebenfalls Bildausschnitte fest und bestimmen vermittels von Farbprogrammen Farbwerte, die später bei der Ausführung auf die Leinwand gebracht werden. Ihre Malerei hat dergestalt einen technischen Vorlauf und wird durch diesen wesentlich determiniert. Malerei ist von daher eine Übersetzungsarbeit sowie eine Art der Dokumentation von real beobachteten Momenten und Situationen. Man kann die Kunst des Paares im Sinne einer Reportagetätigkeit begreifen, als realistische Darstellung einer subjektiv erlebten Wirklichkeit – einer Wirklichkeit, die in sich widersprüchlich, voller Brüche, manchmal sogar chaotisch ist. Somit lässt sich die Malerei der Römers als Beitrag zur Bildkultur im beginnenden 21. Jahrhundert verorten, als Ausdruck einer Kunst des Hybriden, bei der die technischen Möglichkeiten Voraussetzungen schaffen, um neue malerische Abbilder der Wirklichkeit zu inszenieren. Konnte man die gesellschaftliche und kulturelle Lage in den reichen Ländern, etwa in Deutschland, in den letzten Jahren durchaus mit dem Schlagwort „elektronisches Biedermeier“ charakterisieren und damit eine Situation kennzeichnen, in der revolutionäre Utopien, extreme politische und ästhetische Umbrüche oder radikale Avantgardeleistungen (außerhalb des technischen Komplexes) kaum mehr vorstellbar waren, so stellt sich mittlerweile das Bewusstsein ein, dass gesellschaftliche Zuspitzungen und politische Radikalisierungen in einer globalisierten Welt zunehmend stattfinden werden. Dies betrifft zwar primär die armen Nationen, doch werden auch in den westlich-demokratischen Gesellschaften die Verteilungskämpfe härter und das politische Klima rauer – man denke etwa an die ungelösten Probleme und Konflikte in den französischen Banlieues, an Auseinandersetzungen zwischen Kurden und Türken in Berlin oder linken und rechten Gruppierungen in Deutschland. Dies alles sind Konflikte, die auf der Straße ausgetragen werden und allein deshalb scheint das von Römer + Römer malerisch in Szene gesetzte Demonstrationsthema aktuell und geradezu gegenläufig zum prognostizierten „elektronischen Biedermeier“. Dennoch, die Sache ist nicht ganz so einfach: Obwohl das Politische heute wieder auf die Straße drängt, leben wir in einem Medienzeitalter, in dem zuerst die Medien den Begriff des Öffentlichen prägen – dies im Unterschied zu den 60er und 70er Jahren des letzten Jahrhunderts. Die Wirkung der Medien zeigt sich dabei nicht zuletzt in einem verflachenden Verständnis von Demokratie und politischer Teilhabe – beides Dinge, die den Freiheitsbegriff unmittelbar betreffen. Nach Hannah Arendt liegt der Sinn von Politik in der Herstellung von Freiheit. In dem Maße aber, wie das Politische immer weniger das Öffentliche darstellt, sondern zu etwas medial Vermitteltem geworden ist, wird das Politische mehr und mehr zu einer Simulation seiner selbst. Freiheit aber kann man nicht simulieren. Dieser Situation und Entwicklung scheinen die Bilder von Römer + Römer Rechnung zu tragen, denn sie wollen vor allem eins nicht – eine eindeutig festgelegte Wahrheit über die Wirklichkeit in den Raum stellen, denn das würde bedeuten, sich mit den bildhaft gezeigten Parolen und Slogans auf den Transparenten vollends zu identifizieren. Vielmehr wird durch den malerisch inszenierten Kamerablick eine Distanz zur Lautheit der Parolen gesucht. Dieser Distanz entspricht in der malerischen Umsetzung ein gleichsam analytischer und addierender Farbauftrag, bei dem Farbwerte nebeneinander stehen, mit dem Resultat, dass sich die Gesamtsicht eines Bildes erst aus einer bestimmten Entfernung einstellen kann.

Mit der Darstellung von Demonstrationen in großformatiger Malerei wird von Römer + Römer zudem die Idee des Historienbildes neu aufgenommen und in aktueller Form vorgestellt. Dieses Genre hatte vor allem im vor-fotografischen Zeitalter einen herausragenden Platz. Das Historienbild scheint nun in der Malerei – etwa in der von Römer + Römer, eine Renaissance zu erleben – doch unter anderen Vorzeichen als vor der Erfindung der Fotografie. Der Rückgriff auf ein historisch bekanntes Genre bedeutet dabei nicht unbedingt einen Rückschritt, sondern er ist bei Nina und Torsten Römer vielmehr als Experiment und Erweiterung ihres künstlerischen Repertoires zu bewerten. Der Sinn ihrer Kunst liegt darüber hinaus in einer besonderen Art der Orientierung, Klärung und Selbstvergewisserung, denn mit der Bildherstellung und beim Malen treten die beiden Künstler in einen Austausch über ihre Vorstellungen zur Veränderung von Realität. Sie tun dies als Paar, in gemeinsamer Arbeit und im Dialog mit dem Bild.

Man kann konstatieren, dass Römer + Römer durch die Fotografie Bilder der äußeren Welt in ihr Atelier einschleusen und diese in einem technisch-medialen wie auch handwerklichen Vorgang in Malerei übersetzen, so dass schlussendlich Arbeiten entstehen, die zur Fotovorlage in einem konkreten Verhältnis stehen. Wie nun sieht dieses Verhältnis aus, wovon wird diese Relation bestimmt, und welcher Sinn, welche Bedeutung wird bei solcher künstlerischen Übersetzungsarbeit geschaffen?

Durch das Malen entsteht ein Bild, das die Darstellung der Fotovorlage exakt nachahmt, denn die Malerei gibt die fotografierte Situation in allen Einzelheiten wieder – dies jedoch im großen Format und im Material der Ölfarbe, die die Oberfläche der Leinwand nicht nur einfärbt, sondern im Sinne einer Textur strukturiert. Die Nachahmung geschieht bei der Malerei von Römer + Römer nicht in Form eines Hyperrealismus bei dem jedes Detail gestochen scharf dargestellt wird, sondern findet in einer Analogie zur Funktionalität des physiologischen Sehens statt. Dies vollzieht sich maltechnisch durch ein Nebeneinanderstellen von weithegend flächigen Farbwerten, die dann in ihrer Addition eine bestimmte Bildpassage in Hinsicht auf das Dargestellte exakt bezeichnen. Ein präzis-scharfes Bild, eines, das der Fotovorlage vergleichbar ist, wird man dabei jedoch nur aus einer größeren Wahrnehmungsdistanz erkennen. Kommt man dem Bild zu nahe, so zerfällt die betrachtete Stelle in ein multiples Gewirr von Pixeln und Tupfen. Mit ihrer Form der Darstellung reagieren Römer + Römer augenscheinlich auf das, was die Physiologie des Sehens ausmacht – also eine Tätigkeit, die physiologisch immer nur im punktuellen Scharfsehen stattfindet. Der Seh- und Wahrnehmungsakt besteht darüber hinaus in einem komplexen Zusammenspiel von optischen, neuronalen und zerebralen Aktivitäten und Leistungen. Bei der Malerei der beiden Künstler – so kann man sagen – handelt es sich um eine Form des Voraugenführens der visuellen Wahrnehmungsweise, die immer einer bestimmten Nähe oder Distanz zum betrachteten Objekt oder Bildgegenstand bedarf, um als inhaltliches Sehen und begriffliches Erkennen zu funktionieren.

Mit dieser Form der Darstellung wird dem Betrachter dann auch ein Standort zugewiesen, der ziemlich exakt dem des Fotografierenden entspricht. Natürlich muss sich der Betrachter nicht an diese Ortzuweisung halten, aber nur aus distanzierter Position gewinnt er tatsächlich einen Überblick, erkennt er ein exaktes und scharfes Bild. Alle anderen, insbesondere nähere Betrachtungspositionen, zeigen das Bild in grober Auflösung und führen zu einem anderen Modus des Erkennens. Malerei wird damit zum Gegenstand wie auch zum Ort der Analyse des Vorgangs der visuellen Wahrnehmung.

Man kann vermuten, dass das Künstlerpaar die Themen von politischer Manifestation und Auseinandersetzung in seiner Malerei auch deshalb aufgreift, weil sie ihm Möglichkeiten bieten, größere Menschenansammlungen differenziert darzustellen und eine mit Demonstrations- und Massenereignissen einhergehende Emotionalisierung ins Bild zu setzen. Das gemalte Bild besitzt gegenüber der Fotografie sinnliche Eigenschaften, die insgesamt in Richtung einer Emotionalisierung und eines damit verbundenen Bedeutungszuwachses weisen. Solche Emotionalisierung ereignet sich bei der Malerei des Künstlerduos auch aufgrund von großen Formaten und der Oberflächenstrukturierung durch Farben und ihre Gefühlsqualitäten. Bei Römer + Römer geschieht der Vorgang der Emotionalisierung jedoch sozusagen gebremst, trifft er doch gleichsam auf sein Gegenstück – auf eine analytische Rationalität beim Auftrag der Farbe. Bei diesem addierenden Farbauftrag – gemeint ist das Nebeneinander von kleinen, klar getrennten Farbflächen – wird der Betrachter aber zugleich mit der Rationalität dieser Malerei konfrontiert. Das Emotionale der Bilder erfährt somit eine immanente Kontrolle oder Kritik durch die Malmethode oder – anders gesagt – aufgrund des von Römer + Römer eingebrachten addierenden und summierenden Gestaltungskonzepts der Farben. Im Bild entsteht somit ein Gegensatz oder Widerspruch zwischen einer durch Farbe, Format und Thema ins Bild gebrachten Emotion und der konzeptuellen Rationalität des Farbauftrags . Dieser offensichtliche Gegensatz zwischen Emotion und Rationalität wird von den Künstlern an die Betrachter wie eine zu beantwortende Frage weitergeleitet und konstituiert die eigentliche Basis ihrer Kunst, die einen sozio-medialen Charakter besitzt, aber ebenfalls mit Emotionalität und Sinnlichkeit argumentiert und zu überzeugen weiß.

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