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  • Peter Funken „Römer + Römer – Malerei im Zeitalter globaler Realität“, 2009 漢語

Detail: Hibiscus.Fleurs, 2008, Öl auf Leinwand, 200 x 265 cm

Nina und Torsten Römer gehören zu einer Künstlergeneration, für die die technischen Bildmedien mit ihren Dokumentations- und Bearbeitungsmöglichkeiten wie selbstverständlich für die Produktion von Kunst zur Verfügung standen und dabei neue ästhetische Bedingungen schufen. Für Römer & Römer hat dies zur Folge gehabt, dass sie ihre Malerei in einem engen, sehr konkreten Verhältnis zur Fotografie und den Fähigkeiten des Computers entwickelt haben. Ihr Malen ist von daher zu einem Abbildungs- und Darstellungsprozess geworden, der kaum von unmittelbarer Inspiration beeinflusst ist oder von formaler kompositorischer Arbeit gesteuert wird. Bildproduktion bedeutet für das Künstlerpaar, Fotografie in Hinblick auf die Malerei einzusetzen, also die selbst gemachten Fotos als Vorlagen auszuwerten und später in das Medium Ölmalerei umzusetzen. Insofern entwickelt sich die Kunst von Römer + Römer keineswegs ausschließlich in einem malenden Vorgang, sondern beginnt bereits mit dem Fotografieren und der Bildbearbeitung der Fotos im Rechner. Bei ihrer Kunst handelt es sich demnach um einen komplexen Prozess, dessen Ziel und Ergebnis zwar das gemalte Bild ist, jedoch bedarf dessen Herstellung einer Vorarbeit, die technischer Natur ist und zugleich in der Kommunikation darüber besteht, welche Motive, welche Ausschnitte später auf die Leinwand gemalt werden. Es dürfte einleuchten, dass nur die aussagefähigsten Fotos in großformatige Malerei übersetzt werden. Die Malerei des Künstlerpaares verhehlt diesen fototechnischen Vorlauf nicht, er findet in der Übersetzung der technischen Bildeigenschaften in Malerei seinen Ausdruck und zeigt sich auf der Bildoberfläche durch gemalte Pixel, Farbpunkte und Farbflächen, die in ihrer Summe den Eindruck des Bildes entstehen lassen und bestimmen.

Im letzten Jahr bereisten die beiden Künstler verschiedene Länder und besuchten große Städte. Dabei haben sie zahlreiche Momente und Eindrücke fotografisch festgehalten. Ihre Reisen führten beispielsweise nach Casablanca in Marokko, nach Korea, wo sie die Grenze zu Nord-Korea sahen, sie bereisten Italiens Süden, Sizilien, ebenfalls fuhren sie nach Paris und Madrid sowie Wladiwostok in Russland. Bei den Fotos, die unterwegs entstanden, haben Römer & Römer vor allem Szenen und Situationen in Städten fotografisch festgehalten. Es sind Momente, die ihnen als Besucher dieser Länder als besonders markant auffielen. Doch schossen sie keine typischen Touristenfotos, sondern sie machten ihre Reisebilder unter professionellen Gesichtspunkten, das heißt, unter den Gesichtspunkten einer potentialen Malerei. Natürlich waren Römer + Römer als Künstler mit einer geschulten Wahrnehmung unterwegs und von daher sind die mitgebrachten Fotos keine üblichen Souvenirs, sondern vor allem Bildmaterial von einer Welt, die sich unter den Bedingungen von Technisierung und Globalisierung rasant verändert hat.

Betrachtet man die neu entstandene Bilderserie, die sich als Malerei thematisch und atmosphärisch deutlich auf die fotografierten Vorlagen bezieht, so kann man den Eindruck gewinnen, dass die Künstler ihre Reiseeindrücke vor allem unter folgender Fragestellung festhielten: „Wie hängt alles zusammen und welchen Platz haben wir in dieser Geschichte unseres Lebens in dieser großen Welt?“ Tatsächlich ist diese einfache Frage eine große Frage und die Antwort, die die Künstler mit ihren großen Bildern geben, ist komplex und vielgestaltig. Sie handelt zugleich von Bekanntem und von Unbekanntem, das ihnen begegnete: Die Amüsierlust der Koreaner auf einem Rummelplatz unweit der traurigen, scharf markierten Grenze zum Nordteil des Landes hat sie genauso erstaunt, wie die farbenprächtigen Dekorationen bei einem indischen Fest in einem Stadtteil von Paris. Weniger ungewöhnlich hingegen erschien ihnen gewiss die mit Jeans und chicen T-Shirts bekleideten Mädchen, die sich im sizilianischen Catania am Wochenende auf einer Piazza treffen oder die Darstellung von jungen Leuten bei einem Woodstock-Revival-Festival in Polen. In Marokko fiel Römer + Römer die Buntheit des Alltags in der Tristesse heruntergekommener Architektur auf, wie auch die Möglichkeit der Menschen, draußen Dinge zu tun, die man in Deutschland vor allem in Innenräumen betreibt – gemeint ist hier, Tischfussball zu spielen. Der Blick der Künstler richtete sich nach allen Seiten, er ist offen, interessiert sich an der Öffentlichkeit – an politischen Manifestationen, an Straßenszenen, an Festen und Aufzügen. Hinzu kommen ebenfalls Darstellungen von Innenräumen – auch hier sind es öffentliche Bereiche – Kneipen, Cafés oder Läden. Dieser Blick nimmt das Besondere im Alltäglichen wahr. Wichtig scheint für die Künstler, dass viele Menschen im Bild sind, dass es zahlreiche Details gibt, dass es etwas zu Sehen gibt, dass visuell etwas geschieht … und in ihren Bildern geschieht immer Vieles. Das Dichte und Komplexe, das die Künstler mit der Kamera in Städten und bei Massenveranstaltungen festhielten, gibt ihnen dabei die unmittelbare Möglichkeit ihre malerischen Qualitäten, ihre maltechnische Kompetenz zu demonstrieren. Was auf den eher kleinformatigen Fotovorlagen im Gewimmel der Farben kaum noch erkennbar ist, wird in der großformatigen Malerei seltsam greifbar, überdeutlich und erst in solcher Kompaktheit verständlich: diese Welt – vor allem in den Ballungsräumen – ist voll gepackt, voll gestaut mit Menschen und Dingen, sie wirkt komplex und hoch verdichtet.

All die Einzelheiten, die Römer + Römer in ihren Bildern malen, wirken deshalb wie geschichtet und gebaut – dies gilt sogar für einen transluziden, wolkenlos blauen Himmel. Doch evoziert solche Malerei keine Statik – immer, so hat man das Gefühl, ist das Momentane und die kommende Bewegung, die unser Leben und seine Orte permanent durchflutet, mitgedacht und mitgemalt.

Passagen dieser Bilder erkennt man aus der Distanz wie gestochen scharf – sie geben erst beim näheren Herantreten zu erkennen, dass sie aus vielen addierten Farbschichten, aus hunderten Punkten und kleinen Flecken zusammengesetzt sind. Manchmal erscheint eine geradezu impressionistische Atmosphäre in diesen Bildern vorzuherrschen, doch entsteht dieser Eindruck vor allem aufgrund eines präzis kalkulierten Vorgehens, denn er beruht auf einer geradezu objektiven Malerei, die mit den Möglichkeiten des Seriellen und Informellen – exakten Farbpunkten oder Streifen – arbeitet, oder aber mit einer flächigen Verteilung von Farben. Hier wird also in der Hauptsache mit rationalen Bildmittel gearbeitet. Dies mit der Vorstellung, bildnerisch eine hohe Verdichtung bei der Darstellung zu erreichen. und ebenfalls mit der Absicht eine geradezu suggestive Wirkung auf die Betrachter auszuüben, denn solche Malerei wird immer auch im Gedanken eines Ausdrucks von Emotionalität und Vitalität erlebt.

Man merkt den neuen Bildern an, dass die beiden Künstler staunend auf Reisen waren, und doch stießen sie dabei immer wieder auf Bekanntes – etwa auf große Reklameflächen, die ein braunes Erfrischungsgetränk anpreisen, oder auf Werbung für Internet-Cafés und Kommunikation, die mittlerweile tatsächlich so etwas wie ein „globales Dorf“ haben entstehen lassen.

Ihre Bilder sind keineswegs exotisch im Sinne einer Verklärung – dies erkennt man spätestens, wenn man die für die Ausstellung ebenfalls neu entwickelten Arbeiten mit Szenen aus Berlin betrachtet, denn das dargestellte Fest junger Leute auf der Karl-Marx-Allee oder eine Demonstration von Schwulen und Lesben, wirkt in ihrer Malerei genauso lebendig und intensiv, wie die leuchtenden Farben oder das strahlende Licht, das ihnen in Asien oder Nordafrika auffiel.

Typisch für die Beobachtung und die Malerei der beiden Künstler ist es, dass sich in ihren Bildern der Alltag als eine globale Realität zu erkennen gibt, denn mittlerweile sind Reklame und Werbung überall auf der Welt recht ähnlich und bilden eine Art von optischem Hintergrundrauschen in den großen Städten und Metropolen. Die Welt, dieses elektronische Dorf, erscheint in diesen Bilden überraschend unterschiedlich – dies hat mit der künstlerischen Notwendigkeit zum genauen Hinsehen und Differenzieren zu tun, wie mit der Fähigkeit, die schnappschussartig festgehaltenen Situationen adäquat in Malerei zu übertragen.

Man kann bei der Kunst dieses Duos sehend lernen, wie man sich unterschiedlichen Kulturen respektvoll annähern kann, auch um dabei die eigene Kultur in ihrer Veränderung besser zu begreifen. Eine solche Perspektive unterscheidet dann weniger zwischen dem Eigenen und dem Fremden, sondern begreift vielmehr die Dynamik und Bewegung in der Veränderung, als Indiz für eine aufkommende Weltkultur, deren Umrisse bislang nur im Ansatz zu erkennen sind. Die Lebendigkeit ist ein markantes Zeichen dieser neuartigen Kultur. Paradigmen entstehen ihr zudem aufgrund der technischen Revolution, die sie zugleich hervorbringt und die sie verändert, wie auch durch die ökonomischen Bedingungen, über die in Zukunft bestimmt noch viel zu sprechen sein wird. Von all dem handelt die Kunst von Römer & Römer – dies vor allem unterschwellig. Mit ihrem unvoreingenommen Blick entwickeln die Künstler eine Offenheit der Darstellung, die unideologisch ist und damit die Qualität besitzt, die komplexe Gleichzeitigkeit von Wirklichkeitsphänomenen zur Kenntnis zu nehmen, ohne sie vorschnell zu vergleichen, sie zu bewerten oder auszublenden. Der Weg dorthin geht über die Fotografie, den Computer und das Malen, also über eine technische und malerische Beschreibung visueller Phänomene. Genaues Hinsehen, exaktes Übertragen ins Bildnerische. Eigentlich sind dies bewährte künstlerische Praktiken, um über die Wirklichkeit Auskunft zu geben. Werden sie konsequent betrieben und eingesetzt, so entstehen immer wieder Möglichkeiten, neue Erkenntnisse zu gewinnen und die Welt mit neuen Augen anzusehen.

Peter Funken

(Text aus dem Katalog zur Ausstellung Römer + Römer – Based on a true story im Today Art Museum, Peking, 2009)

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